WEST SIDE STORY 
Bad Hersfelder Festspiele
Premiere 16. Juni 2009

Hessischer Bote/Hersfelder Zeitung 

Zwischen den Extremen 

Das Bad Hersfelder Festspielpublikum feiert eine grandiose "West Side Story" 

Von Karl Schönholtz

When love comes so strong / there is no right or wrong - Wenn die Liebe so stark ist, dann gibt es kein Richtig und Falsch, heißt es an einer Stelle in der "West Side Story", und es ist beileibe nicht der einzige Moment an diesem Abend in der Stiftsruine hart an der Grenze zur Rührseligkeit.

Doch Matthias Davids Inszenierung des Musical-Klassikers für die Bad Hersfelder Festspiele spannt den Bogen bis weit ins andere Extrem: Eine schockierend drastische Vergewaltigungsszene, die Thematisierung von Kindesmissbrauch und die Darstellung des Zweikampfes zwischen Riff und Bernardo als Käfig-Fight stehen für die Ernsthaftigkeit, mit der Davids die Inhalte der Vorlage transportieren möchte.

Zeitlose Aktualität

Obwohl die Grundzüge der Handlung bei "Romeo und Julia" entlehnt sind, erzählt die "West Side Story" nicht von Kindern, die den Konflikt ihrer Eltern austragen. Vielmehr haben sich die Jugendlichen hier längst von den Erwachsenen abgegrenzt, haben sich im Kampf um ein Stück Straße ihre eigene Welt geschaffen, die von falschen Ehrbegriffen, Intoleranz und dem vermeintlichen Recht des Stärkeren bestimmt ist.

Insofern ist es folgerichtig, dass die Inszenierung auf gekünstelte Modernisierungen verzichtet und auf die zeitlose Aktualität des Stoffes vertraut. Sie gibt damit zugleich die Antwort auf die Frage, was uns die "West Side Story" heute noch zu sagen vermag.

Zum Steinerweichen

Die Begeisterung des Premierenpublikums, das das Ensemble am Ende fast eine Viertelstunde mit stehenden Ovationen feierte, galt jedoch vor allem den mitreißenden, in dieser Qualität bisher in Bad Hersfeld nicht gesehenen Tanzszenen (Choreographie: Melissa King) und den durchweg großartigen Leistungen der Sängerinnen und Sänger.

Leah Delos Santos (Maria) und Christian A. Müller (Tony) singen die Evergreens "Tonight", "Maria" oder "I feel pretty" nämlich nicht nur zum Steinerweichen schön, sondern spielen das Liebespaar auch glaubhaft-intensiv, anrührend und mit unverbrauchter Frische. Herausragend daneben Maaike Schuurmans als Anita, die zwischen den Fronten insbesondere darstellerisch glänzt.

Absolut überzeugend auch die Gang-Mitglieder beider Seiten, für deren Auswahl eine gewisse Authentizität maßgeblich war. "Echte" Puerto Ricaner also und "richtige" Amis, allesamt stilecht und farblich klar differenziert gewandet (Kostüme: Judith Peter).

Im Orchestergraben dirigiert Christoph Wohlleben eine spielfreudige Musikertruppe, die mit klanglicher Transparenz auch den bekanntesten Melodien neue Akzente entlockt.

Kongeniales Bühnenbild

Als kongenial für die Inszenierung erweist sich das Bühnenbild von Heinz Hauser. Zwei halbrunde Gitterelemente auf Rollen, die sich wahlweise zu Hochhausschluchten, Hauswänden oder dem Kampfplatz formieren lassen, dazu eine hydraulisch versenkbare Empore für die Balkonszene - mehr braucht es nicht, um immer wieder neue Bilder zu gestalten.

Wer erst jetzt neugierig geworden ist auf diese "West Side Story", hat allerdings Pech gehabt: Sämtliche Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

 

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