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WEST
SIDE
STORY Gießener Allgemeine Viel mehr als nur ein Liebeslied für Maria Dieses Stück lebt – und wie es lebt, auch wenn die Liebe am Ende stirbt und nur gebrochene Herzen zurückbleiben. Für die »West Side Story« von Leonard Bernstein gilt selbst 52 Jahre nach der Uraufführung: Schöner, ergreifender und hinreißender kann ein Musical nicht sein. Das zeigte die Premiere bei den Bad Hersfelder Festspielen am Dienstagabend in der ausverkauften Stiftsruine (alle weiteren 29 Vorstellungen sind ebenfalls ausgebucht). Zwei verfeindete Gangs durchstreifen die West Side von Manhattan: die einheimischen Jets und die zugewanderten Sharks. Tony war längere Zeit Anführer der Jets, will sich aber aus dem Bandenleben zurückziehen. An der Spitze der Sharks steht Bernardo, dessen Schwester Maria Tony bei einem Tanzabend kennenlernt. Sie verlieben sich sofort ineinander. In der Nacht kommt es zu einem Straßenkampf zwischen Jets und Sharks, den Tony beenden will. Dabei wird sein Freund Riff von Bernardo er-stochen, Tony tötet daraufhin im Affekt Bernardo. Er muss sich vor den Sharks verstecken, die den Tod Bernardos rächen wollen. Aus seinem Versteck gelockt, wird er vor den Augen Marias von einem Freund Bernardos erschossen. Regisseur Matthias Davids zog alle Emotionsregister, die das Buch von Arthur Laurents und die genialen Songtexte von Stephen Sondheim hergeben. Von jugendlichem Überschwang und pubertärer Hitzköpfigkeit bis zum aufwühlendsten Moment der Seelenpein reicht die Palette, die den »Krieg« zweier verfeindeter Jugendbanden – die einheimischen Jets treffen auf die puerto-ricanischen Sharks – im New York der 1950er Jahre kennzeichnen; im Mittelpunkt steht die tragische Liebesgeschichte von Maria (Sharks) und Tony (Jets) in Romeo-und-Julia-Manier. Die nach wie vor jugendlich-frische Musik von Bernstein mit Hits wie »America« oder »Tonight« und ihren famosen Jazz- und Latino-Elementen sowie die dynamischen Tanzeinlagen (Choreografie: Melissa King) rundeten das Bild beinahe zur Perfektion ab. Gesungen wurde auf Englisch, um den Wortwitz zu bewahren, der gesprochene Text in der deutschen Übersetzung ließ dramaturgisch keine Fragen offen. Zum kargen Bühnenbild von Heinz Hauser gehören ein Bett und zwei bewegliche, halbkreisförmige, schräge Gitterrahmen, die je nach Standort Drugstore, Brautmodengeschäft, Marias Zimmer oder die Straße symbolisieren und als Klettergerüste für die Protagonisten dienen. Regisseur Davids tat gut daran, das Musical nicht zu modernisieren. Die alten Mauern der Stiftsruine – nach der einsetzenden Dunkelheit stimmig ausgeleuchtet – bieten einen beängstigend realen Schauplatz für Rassenhass und Straßenkampf. Wer am Ende nicht ergriffen und zutiefst bewegt die Spielstätte verließ, hatte womöglich außer den paar Effekten aus der Pyrotechnikkiste nichts mitbekommen. Alle anderen zollten den Akteuren am Schluss minutenlang Standing Ovations. Besonders die beiden Tänzer Phi-lippe Ducloux (Riff, Anführer der Jets) und Nivaldo Allves (Bernardo, Chef der Sharks) begeisterten mit Akrobatik und großer Bühnenpräsenz; gesanglich hatte Ducloux nicht allzu viel zu bieten, während Allves gut den akzentlastigen, schnoddrigen Puerto Ricaner gab. Bei den übrigen Tänzern dominierten die Männer gegenüber den Frauen mit der ausgefeilteren Dreh- und Sprungtechnik. Die Hauptrolle des Tony verkörpert Christian Alexander Müller, der solide spielt und technisch sauber singt. Dennoch stellt sich wie so oft die Frage: Wie viel Tenor braucht es für einen Musicalhelden? Bernstein hat immer wieder darauf hingewiesen, dass er als Besetzung für seine »West Side Story« keine Opernsänger wünscht, weil sie ihm zu wenig »nach Straße« klängen. Wer aber einmal José Carreras in der Rolle des Tony gehört hat, weiß, was die Tenorpartie in den hohen Lagen verlangt. Hier muss Müller – etwa beim rührenden »Maria« – aufs Falsett zurückgreifen, was ihm indes überzeugend gelingt. Leah Delos Santos als Maria lebt von ihrem feinen Sopran, der wie gemacht ist für die Rolle der zum ersten Mal Verliebten. Ihr Duett mit Tony »One hand, one heart« wird zu einem Glanzpunkt des Abends, ebenso wie das herzzerreißende »Somewhere« – mehr Liebesschmerz kann selbst der größte Romantiker nicht ertragen. Großes Lob gebührt Maaike Schuurmans, die als glutäugige, aufbrausende Puerto Ricanerin Anita gesanglich in bester Erinnerung bleibt und schauspielerisch erste Wahl ist. Letzteres gilt ebenfalls für Manfred Stella (Doc), Frank Buchwald (Schrank) und Heinrich Cuipers (Krupke). Weil in Bad Hersfeld ohne Pause gespielt wird, wirkte der fast übergangslose Wechsel vom tragischen Ende des ersten Akts – dem tödlichen Zweikampf zwischen Riff und Bernardo – zum verträumten Beginn des zweiten Teils mit dem naiv-sorglosen »I feel pretty« etwas hart. Das Orchester – ebenso elektronisch verstärkt wie die Sänger – spielte ausdrucksstark wie aus einem Guss. Ein kleines Manko waren leicht zeitversetzte Einsätze am Ende des Abends (warum verstimmen sich Geigen, Celli oder Bass nicht bei gefühlten kühlschrankkalten Temperaturen?), ansonsten hatte Dirigent Christoph Wohlleben die Zügel fest in der Hand. Er sorgte für eine durchweg flotte Gangart. Was bei den schnellen Stücken, etwa dem wie berauscht dargebotenen Big-Band-Mambo »The dance at the gym«, Rasanz brachte, erzielte bei den langsamen Titeln nur bedingt den gewünschten Effekt. Wohlleben hätte es hier etwas ruhiger angehen lassen dürfen, um den Sängern die Möglichkeit zu geben, die gefühlsintensiven Momente noch besser ausformulieren zu können. Unterm Strich bleibt ein beeindruckender Abend, der selbst den weitesten Weg lohnt. Oder wie es der verliebte Tony formuliert, wenn er den Wohlklang von Marias Namen beschreibt: »The most beautiful sound I ever heard.« Manfred Merz
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