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WEST
SIDE
STORY Frankfurter Allgemeine Zeitung Wettbewerb der Drehungen Von Hans Riebsamen, Bad Hersfeld Überzeugend gespielt und Texte zum Mitsingen: die Bad Hersfelder Inszenierung der "West Side Story". 17. Juni 2009. Wem gehört die Straße? Nicht den Jets und nicht den Sharks, sondern dem Gesetz – sagt Lieutenant Schrank. Dieser Gesetzeshüter, bei der Bad Hersfelder Produktion der „West Side Story“ etwas zu leichtgewichtig dargestellt von Frank Buchwald, nimmt es mit dem Grundsatz, dass vor dem Gesetz alle gleich sind, freilich nicht so genau. Wie die weißen Boys aus der Jugendbande der Jets hält auch er die jungen Einwanderer aus Puerto Rico, die Sharks, für Müll, den er wieder aus dem Land zu kehren gedenkt. Deklassierte sind sie freilich allesamt, die Jets und Sharks und ihre Mädels. Die aufgeputzten Damen gelten den jungen Machos allerdings nur als netter, aber meistens doch lästiger Anhang. Wie überall auf der Welt suchen auch die Actions und Diesels und Chinos und Pepes, die unten stehen in der gesellschaftlichen Hierarchie, einen Feind, der vorgeblich noch weiter unten steht. So wie heute die deutschen Prolls die russlanddeutschen Prolls verachten und die wiederum die türkischen Prolls. Und so weiter bis zur letzten Minderheit. Klassiker des Genres Seit den fünfziger Jahren, da Arthur Laurents nach einer Idee von Jerome Robbins das Buch und Leonard Bernstein die Musik zur „West Side Story“ geschrieben haben, hat sich nicht wirklich viel verändert. Deshalb ist ihre Musical-Version des „Romeo und Julia“-Stoffes auch ein Klassiker des Genres geworden, der von seiner Frische und Aktualität nichts verloren hat. Die schwungvolle Inszenierung von Matthias Davids in der Stiftsruine in Bad Hersfeld beweist es. „West Side Story“ heißt vor allem Tanz und Gesang. Platz zum Tanzen haben die Jungs und Mädels von der West Side auf der Bad Hersfelder Riesenbühne genug. Sie toben sich rhythmisch überall aus: ganz hinten im Chor der Ruine, an den breiten Seitenbühnen und natürlich auch auf der Mittelbühne, der umkämpften Straße, auf der die Straßenjungs gefangen sind: in symbolische Fesseln gelegt durch die Gitter zweier angeschnittener Halbkreise aus Stahl. Diese auf Rollen verschiebbare Kulisse gibt ihnen mal mehr, mal weniger freien Raum. Der Zeigefinger wird in Bad Hersfeld nicht erhoben Tanzen haben sie gelernt, die vielen jungen Darsteller, allen voran der nervös-feinnervige Nivaldo Allves mit seinem dünnen Stutzerbärtchen als Shark-Anführer Bernardo und sein Jet-Gegenpart Riff, den der scheinbar coole, aber innerlich brodelnde Philippe Ducloux darstellt. Sie steigern sich immer wieder in einen Wettbewerb der Schwünge und Drehungen hinein, langweilig wird es einem bei diesen von Melissa King choreographierten Massenszenen nie. Aus der Menge der Darsteller ragt Maaike Schuurmans hervor, die als schlagfertige Anita die unübersichtliche Lage an der West Side und die eher übersichtlichen Gefühlswelten der jungen Männer dort durchschaut. Singen kann sie auch prima, den Hit „America“ fetzt sie richtiggehend ins Publikum. Wie schön wäre es, denkt man, wenn auch die Migranten in Deutschland so emphatisch von ihrer neuen Heimat schwärmen würden. „Maria, Maria, Maria“ schluchzt Christian Alexander Müller, der Tony dieser Bad Hersfelder Produktion, sehnsuchtsvoll. Die Rolle des jungen Mannes, der den Straßenschuhen der Gangs entwachsen ist und ein ernsthaftes Gefühl zu einer Frau entwickelt hat, nimmt man Müller ab. Maria, sein große Liebe, wird von Leah Delos Santos etwas süßlich, aber durchaus überzeugend und sängerisch ansprechend gegeben. Begleitet werden sie von einem Orchester, das unter der Leitung von Christoph Wohlleben Bernsteins unsterbliche Musik schmissig interpretiert. Der Zeigefinger wird in Bad Hersfeld nicht erhoben, auch wird die „West Side Story“ nie krampfhaft aktualisiert. Das ist auch gar nicht nötig, denn nicht einmal in der Jugendsprache hat sich so viel geändert seit der ersten Probeaufführung des Musicals am 19. August 1957 in Washington. „Bee cool“ ermahnt der Bandenführer Riff seine Jets. Bis heute ist Coolness einer der höchsten Werte in der Jugendkultur. Wenn jemand die Straßenjungs aus der Westside allerdings als „Assis“, als Asoziale also, bezeichnet, ist es schnell vorbei mit der Coolness, dann flippen die jungen Männer aus. Bei den Türken in Kreuzberg heute ist es nicht anders. Die 30 Vorstellungen der „West Side Story“ bei den Bad Hersfelder Festspielen sind allesamt ausverkauft. |
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