DIE UNENDLICHE GESCHICHTE

Ein merkwürdiges Land, diese andere Wirklichkeit, die so wenig gilt in unserer Welt: das Traumland, in das unsere Seele wandert, während wir schlafen; das Land schlingernder Zeit und gedehnter Räume, sprechender Türpfosten und brennender Giraffen. Bei uns unter Asphalt verkleistert oder in Terminkalender gepresst, weggeschnitten aus der „wirklichen“ Wirklichkeit – das Reich der Phantasie, in das sich der schüchterne Bastian flüchtet, wenn er in der Schule wieder geärgert und ausgelacht wurde. Er verkriecht sich auf dem Dachboden und steigt ein in die „Unendliche Geschichte“, die von eben dieser Bedrängnis erzählt: von der Kindlichen Kaiserin und ihrem Land Phantàsien, die unter dem Vormarsch der äußeren Realität erkranken und zerfallen. Und nun zieht ihn die Geschichte ganz in sich hinein – Bastian findet sich als auserkorener Retter Phantàsiens wieder und macht sich an der Seite seines neuen Freundes Atréju und unter dem Schutz des magischen Auryn auf die Suche nach dem erlösenden Wort, das die Kindliche Kaiserin neu benennt und Phantàsien neu erschafft. Mit Michael Endes Unendlicher Geschichte von 1979, die mit ihren Vorgängern Jim Knopf (1960) und Momo (1973) zu den in aller Welt beliebtesten Kinder- und Jugendbüchern gehört, hat sich der Komponist Siegfried Matthus einen Gegenstand vorgenommen, der zwar in seinem Reichtum an Figuren und Episoden schwer zu bändigen war, aber gleichzeitig einen wunderbaren Theaterstoff bietet: ein Gefilde buntester Landschaften und skurrilster Gestalten, die aller Naturgesetze entledigt und nur dem der Imagination, dem Klang, der Bühne verpflichtet sind.
Siegfried Matthus, Jahrgang 1934, ist seit jeher besonders dem Musiktheater zugeneigt gewesen – ein „Sänger ohne Stimme“, wie er sich augen-zwinkernd selbst beschreibt. Ihn reizte die Fasslichkeit und Direktheit dieses „redenden“, „vermittelnden“ Genres, auf das er mit einer expressiven, klaren, unmittelbar emotional verständlichen Musik reagiert.
Am Landestheater Linz wurde in der Spielzeit 1995/1996 seine Oper Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke aufgeführt.

Text: Landestheater Linz

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