Sweeneys Messerchen entgeht
niemand
MUSICAL: Großer Erfolg für Stephen Sondheims
Mörder-Singspiel im Nationaltheater
Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaulich
Alle Wetter, welch durchdringend schmerzhafter Pfiff!
Immer dann, wenn wieder Blut spritzt. Und das ist recht häufig der Fall.
Lässt doch Richter Turpin als das eigentlich ausersehene Opfer nach
einmal tragisch verpasster Gelegenheit lange auf sich warten. So müssen
inzwischen halt andere an Sweeneys geliebtes Rassiermesser. Ein schneller
Schnitt und - schwuppdiwupp - rutscht Nachschub für Mrs. Lovetts leckere
Pasteten hinunter in den Fleischwolf. Seit Barbier Sweeney Todd die Klingen
wetzt, blüht das Geschäft mit den Leckereien.
Szenario eines blutigen Gruselschockers oder eines perversen
Gewaltvideos? Weit gefehlt! Libretto eines umwerfenden Musical-Thrillers,
der jetzt im Opernhaus des Mannheimer Nationaltheaters seine umjubelte Premiere
feierte: Stephen Sondheims "Sweeney
Todd. Der dämonische Barbier von Fleet Street"
ist mit seiner ausgeprägt makabren Handlung ein Stück voll schwarzen
Humors. Theatralisch eminent intelligent gebaut mit einigem sozialkritischen
Tiefgang, aber vor allem irrwitzig komisch, packte es das Premierenpublikum
von der ersten Sekunde an.
Witzige Dialoge und Melodramen sowie abwechslungsreiche
Musiknummern voll Esprit amüsieren und berühren - auch dank der
außerordentlich "sprechenden", dramatisch genauso dichten wie
gefühlvoll lyrischen Tonsprache.
Und Knut
Hetzers verschachteltes Armenhaus-London, meist
in bedrückend-bedrohliches Dunkel (Licht:
Fabrice
Kebour) getaucht, trägt kongenial zur
Suggestivität der Aufführung bei.
Der Massenmörder war literarisch und filmisch immer
ein Thema. Im letzten Jahrhundert schon kursierte die Legende vom
halsabschneidenden Barbier als englischer Groschenroman, Jack the Ripper
treibt sein Unwesen auch auf der Bühne, und Filmkomödien wie "Arsen
und Spitzenhäubchen", auch "Adel verpflichtet" zünden immer wieder.
Die wahre Geschichte des entsetzlichen Massenmörders "Hackebeilchen"-Haarmann wurde einst sogar
verschlagert, bevor uns Götz
George im Film das Grauen lehrte. Grusel, Abscheu, Gänsehaut und schwarzer
Humor liegen eben manchmal nicht weit auseinander.
In Matthias
Davids' subtil-ausgefeilter und geschmackvoller
Inszenierung des 1979 mit Preisen überschütteten
Sondheim-Broadwayrenners ist jedoch eines von Anfang an unmissverständlich
klar: Vom ersten schrillen und doch feierlich unheimlichen Orgelclusterton
an wird hier Theater gespielt - und zwar vom Feinsten. In Brecht'scher Manier,
wie das Sondheim so klug angelegt hat: Episch verfremdet, mit Chor-Kommentaren
und zum Teil stark überzeichneten, typisierten und mas- kierten Charakteren.
Und Bombenrollen, in denen zwei Vollblut-Künstler alle Register ziehen
können.
Tatsächlich hat Titelfigur Sweeney Todd ja allen
Grund, dem schmierig-ekligen Richter
(Peter
Parsch ist kaum zu erkennen, so ungewohnt und gewagt
unsympatisch spielt er den Richter) die Kehle durchzuschneiden. Hat der ihn
doch 15 Jahre nach Australien verbannt, um ungestört Sweeneys hübsche
Frau Lucy zu vernaschen. Sweeneys Rachsucht pervertiert zur Besessenheit,
als er erfährt, dass er nach seiner tot geglaubten Frau jetzt auch noch
die Tochter an den Richter verlieren soll. Einziges Ziel ist - koste es auch
noch so viel Leichen - den Richter an sein Messer zu liefern. Großartig,
wie Allan
Evans diesen Besessenen und doch nicht unsympathischen
Rächer spielt: durchdrungen, jeglicher Effekthascherei abhold,
facettenreich, humorvoll und tragisch zugleich.
Auch die geschäftstüchtige und einfallsreiche
Mrs. Lovett weiß genau, was sie will: Reich werden und Sweeney heiraten.
Ob ihr dies gelingt und wie die Geschichte ausgeht, sei an dieser Stelle
nicht verraten. Musicalspezialistin
Gabriele
Ramm singt und spielt die geschwätzig-listige
Pastetenbäckerin jedenfalls atemberaubend, gestenreich, mit sicherem
Gespür für jede Pointe und lockerem Zungenschlag.
Stellvertretend für die rundum superbe Ensembleleistung
seien Nikolai
Schukoffs smarter, ungeheuer beweglich agierender
Anthony, Stefan
Poslovskis treuherziger Tobias und
Diana
Damraus liebreizende Johanna genannt. Unter
Stefan
Bluniers souveränem und aufmerksamen Dirigat
entfaltete nicht nur das Orchester brillanten Schliff, auch der von
Melissa
King beglückend individuell choreografierte
Chor zeigte grandiose Spiellaune und eine Professionalität, die keiner
noch so ausgebufften Musicaltruppe nachsteht. Zumal eben Sondheims "Sweeney
Todd" wohltuend heraussticht aus dem gängigen Musicalzirkus und das
Zeug zu einer echten Kult-Veranstaltung hat.