Sweeney Todd Mannheim 1999

Sweeney Todd
Nationaltheater Mannheim 1999
Kritiken

[Hauptseite] [Besetzung] [Fotos] [Kritiken] [Münster 1996/97]

musicals - das Musicalmagazin Februar/März 2000, von Angela Reinhardt:

Die Aufführung im Opernrepertoire garantiert neben der aufwendigen Inszenierung ein üppiges Aufgebot an Orchester und Chor - falls man die richtigen Leute als Leitungs-Team engagiert, die für die Verwandlung von Masse in Klasse sorgen. In Mannheim jedenfalls scheint sich das Horror-Musical auf dem Weg zum Kultstück zu befinden. (...)

Schon mit den bleich geschminkten Gesichtern aller Personen bewegt sich Regisseur Matthias Davids ständig an der Grenze zur Groteske. Dass er genau die richtige Balance zwischen Witz und Schrecken trifft, merkt man immer wieder am ungläubigen, im Hals stecken bleibenden Lachen der Zuschauer. (...)

Warum jagt man eigentlich nicht jeden jungen Musicalautor, der sich auf seinem Synthesizer an der Weltliteratur vergreift, mindestens einmal zwangsweise in dieses Meisterwerk hinein, damit er lernt, was perfekte Dramaturgie ist, wie sich Handlungsfäden spannend überkreuzen und am Schluss überraschend auflösen, wie man Figuren konsequent entwickelt, dass man Musik nicht zum Selbstzweck, sondern als Handlungsträger komponiert?

Mannheimer Morgen 22.11.1999:

Sweeneys Messerchen entgeht niemand

MUSICAL: Großer Erfolg für Stephen Sondheims Mörder-Singspiel im Nationaltheater

Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaulich

Alle Wetter, welch durchdringend schmerzhafter Pfiff! Immer dann, wenn wieder Blut spritzt. Und das ist recht häufig der Fall. Lässt doch Richter Turpin als das eigentlich ausersehene Opfer nach einmal tragisch verpasster Gelegenheit lange auf sich warten. So müssen inzwischen halt andere an Sweeneys geliebtes Rassiermesser. Ein schneller Schnitt und - schwuppdiwupp - rutscht Nachschub für Mrs. Lovetts leckere Pasteten hinunter in den Fleischwolf. Seit Barbier Sweeney Todd die Klingen wetzt, blüht das Geschäft mit den Leckereien.

Szenario eines blutigen Gruselschockers oder eines perversen Gewaltvideos? Weit gefehlt! Libretto eines umwerfenden Musical-Thrillers, der jetzt im Opernhaus des Mannheimer Nationaltheaters seine umjubelte Premiere feierte: Stephen Sondheims "Sweeney Todd. Der dämonische Barbier von Fleet Street" ist mit seiner ausgeprägt makabren Handlung ein Stück voll schwarzen Humors. Theatralisch eminent intelligent gebaut mit einigem sozialkritischen Tiefgang, aber vor allem irrwitzig komisch, packte es das Premierenpublikum von der ersten Sekunde an.

Witzige Dialoge und Melodramen sowie abwechslungsreiche Musiknummern voll Esprit amüsieren und berühren - auch dank der außerordentlich "sprechenden", dramatisch genauso dichten wie gefühlvoll lyrischen Tonsprache. Und Knut Hetzers verschachteltes Armenhaus-London, meist in bedrückend-bedrohliches Dunkel (Licht: Fabrice Kebour) getaucht, trägt kongenial zur Suggestivität der Aufführung bei.

Der Massenmörder war literarisch und filmisch immer ein Thema. Im letzten Jahrhundert schon kursierte die Legende vom halsabschneidenden Barbier als englischer Groschenroman, Jack the Ripper treibt sein Unwesen auch auf der Bühne, und Filmkomödien wie "Arsen und Spitzenhäubchen", auch "Adel verpflichtet" zünden immer wieder. Die wahre Geschichte des entsetzlichen Massenmörders "Hackebeilchen"-Haarmann wurde einst sogar verschlagert, bevor uns Götz George im Film das Grauen lehrte. Grusel, Abscheu, Gänsehaut und schwarzer Humor liegen eben manchmal nicht weit auseinander.

In Matthias Davids' subtil-ausgefeilter und geschmackvoller Inszenierung des 1979 mit Preisen überschütteten Sondheim-Broadwayrenners ist jedoch eines von Anfang an unmissverständlich klar: Vom ersten schrillen und doch feierlich unheimlichen Orgelclusterton an wird hier Theater gespielt - und zwar vom Feinsten. In Brecht'scher Manier, wie das Sondheim so klug angelegt hat: Episch verfremdet, mit Chor-Kommentaren und zum Teil stark überzeichneten, typisierten und mas- kierten Charakteren. Und Bombenrollen, in denen zwei Vollblut-Künstler alle Register ziehen können.

Tatsächlich hat Titelfigur Sweeney Todd ja allen Grund, dem schmierig-ekligen Richter (Peter Parsch ist kaum zu erkennen, so ungewohnt und gewagt unsympatisch spielt er den Richter) die Kehle durchzuschneiden. Hat der ihn doch 15 Jahre nach Australien verbannt, um ungestört Sweeneys hübsche Frau Lucy zu vernaschen. Sweeneys Rachsucht pervertiert zur Besessenheit, als er erfährt, dass er nach seiner tot geglaubten Frau jetzt auch noch die Tochter an den Richter verlieren soll. Einziges Ziel ist - koste es auch noch so viel Leichen - den Richter an sein Messer zu liefern. Großartig, wie Allan Evans diesen Besessenen und doch nicht unsympathischen Rächer spielt: durchdrungen, jeglicher Effekthascherei abhold, facettenreich, humorvoll und tragisch zugleich.

Auch die geschäftstüchtige und einfallsreiche Mrs. Lovett weiß genau, was sie will: Reich werden und Sweeney heiraten. Ob ihr dies gelingt und wie die Geschichte ausgeht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Musicalspezialistin Gabriele Ramm singt und spielt die geschwätzig-listige Pastetenbäckerin jedenfalls atemberaubend, gestenreich, mit sicherem Gespür für jede Pointe und lockerem Zungenschlag.

Stellvertretend für die rundum superbe Ensembleleistung seien Nikolai Schukoffs smarter, ungeheuer beweglich agierender Anthony, Stefan Poslovskis treuherziger Tobias und Diana Damraus liebreizende Johanna genannt. Unter Stefan Bluniers souveränem und aufmerksamen Dirigat entfaltete nicht nur das Orchester brillanten Schliff, auch der von Melissa King beglückend individuell choreografierte Chor zeigte grandiose Spiellaune und eine Professionalität, die keiner noch so ausgebufften Musicaltruppe nachsteht. Zumal eben Sondheims "Sweeney Todd" wohltuend heraussticht aus dem gängigen Musicalzirkus und das Zeug zu einer echten Kult-Veranstaltung hat.