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SOUTH
PACIFIC musicalclub24.de, Okt. 2009 Hinreißendes Kino on Stage - 'South Pacific' in Kassel Wie stimmt man sein Publikum ein? Heute beginnen Musicals häufig direkt mit der Handlung, oder Ouvertüren werden auf 1,5 Minuten gekürzt. Dieser Versuchung ist Regisseur Matthias Davids glücklicherweise nicht erlegen. Runde 5 Minuten werden die Zuschauer mit den musikalischen Motiven aus Richard Rodgers und Oscar Hammersteins 'South Pacific' eingestimmt: Wir hören 'Some Enchanted Evening', 'Bloody Mary', 'A Wonderful Guy' und vor allem 'Bali Ha'i', wobei eine Karten-Projektion die Assoziationen geografisch konkretisiert. Dafür, dass die Zuhörer von Hammersteins II. Musik geradezu eingehüllt werden, sorgt das gut aufgestellte Orchester unter Leitung von Kai Tietje. Im Anschluss daran fährt, passend zur erzeugten Südsee-Atmosphäre, eine weiße Veranda ins Bild - zur Linken exotische Bougainvillea, offene lachsfarbene Vorhänge und im Hintergrund eine Hollywoodkulisse, wie sie MGM nicht schöner hätte erfinden können. So beginnt am 24. Oktober 2009 die zweite Deutschland-Premiere von 'South Pacific', am Staatstheater Kassel. Zu den lichtdurchfluteten Hintergründen von Bühnenbildner Mathias Fischer-Diskau und Gerhard Jurkiewicz kommen verschiebbare scherenschnittartige Elemente, die verschiedene Spielorte bestimmen und die Bühne konturieren: Palmen, eine Küstenlinie, Zelte mit Tarnnetzen und in der Schlussszene schließlich Schiffe. Im Mittelpunkt von Matthias Davids Inszenierung stehen die Akteure der Geschichte, die durch Frank Thannhäusers gelungene deutsche Übersetzung der Dialoge noch mehr Profil erhalten. Die englischsprachigen Liedtexte versetzen zwischendurch immer wieder in die Ära der großen amerikanischen Musikfilme. Literatur und Libretto South Pacific beruht auf zwei Erzählungen des Kurzgeschichten-Romans 'Tales of South Pacific', für den James A. Michener, ein häufig verfilmter amerikanischer Autor historisch gut recherchierter Romane, 1948 den Pulitzer Preis erhielt. Die Musicalbearbeitung erzählt humorvoll und zugleich melancholisch zwei Liebesgeschichten auf den Solomon Islands, inmitten der bedrohlichen Atmosphäre des Südpazifik-Krieges zwischen Amerika und Japan. In der Haupthandlung verliebt sich Fähnrich Nellie Forbusch, Krankenschwester aus Little Rock in Arkansas, spontan in Emile de Beque, einen welterfahrenen, belesenen französischen Plantagenbesitzer, der als junger Mann wegen Mordes an Tyrannen seiner Heimatstadt aus Frankreich fliehen musste. Entgegen aller Ratschläge gibt Nellie ihm das Ja-Wort. Nicht der Mord ist es, der auf einmal zwischen ihnen steht, sondern seine erste Ehe mit einer Polynesierin, aus der er zwei Kinder hat. In den amerikanischen Südstaaten zu Rassentrennung und Standesgrenzen erzogen, ist für die Krankenschwester eine solche Verbindung undenkbar. Das Stück lässt Emile de Beque einen wichtigen Satz für das Figurenverständnis und die Intention des Autors sagen: Der Franzose, der Unterdrückung freier Meinungsäußerung und Intoleranz ablehnt, fragt die Amerikaner, die ihn bewegen wollen, für sie gegen die Japaner zu spionieren: "Ich weiß, wogegen Sie sind, aber: Wofür sind Sie?" Erst als Nellie ihm die Heirat verweigert, entscheidet sich De Beque für den gefährlichen Einsatz und die junge Amerikanerin erkennt fast zu spät, dass sie ihn genug liebt, um gegen alle Tabus seine Frau zu werden. Während es für sie beide eine Zukunft gibt, stirbt der junge Lieutenant Cable bei dieser Mission. Für seine Liebe zu der schönen Liat, die ihre Mutter Bloody Mary extra für einen guten weißen Mann aufbewahrt hat, gibt es diese nicht. Die Bilder von South Pacific malen eine typische Inselsituation, die ein ganz spezielles Zusammenleben verschiedenster Menschen bedingt. Fern vom eigentlichen Kriegsgeschehen lebt man hier in den Tag hinein und vertreibt sich die Zeit mehr oder weniger sinnvoll: Der Marine 'Luther Billis' (Philippe Ducloux) und seine Kumpane haben einen Wasch- und Bügelservice eingerichtet und versuchen, 'Bloody Marys' (Lona Culmer-Schellbach) Geschäft mit eigens hergestellten falschen Baströcken und Schrumpfköpfen Konkurrenz zu machen. Die Insulaner arrangieren sich zwangsläufig mit den Fremden und versuchen, ihr Leben weiterzuleben wie bisher. Immer wieder erinnert die Kasseler Inszenierung an den dramatischen Hintergrund des Insellebens: Handlungsunfähig und zum Teil ohne Nachrichten sitzt die Navy auf der Insel fest und 'Captain George Brackett' (Herwig Lucas) und sein 'Commander William Harrison' (Martin Ruegg) versuchen, die Truppe immer neu zu motivieren. Dazu gehört auch das Thanks Giving Fest, bei dem die Stimmung deutlich steigt. Propellergeräusche, die die offene Verwandlung zu Lagerszenen begleiten und Tarnnetze rund um das Lager weisen auf die ständige Bedrohung der vermeintlichen Idylle hin, die Hammersteins Musik assoziiert. Mit der gefährlichen Mission von Emile de Beque (André Bauer) und Lieutenant Joe Cable (Matthias Stockinger) wird die brisante Situation deutlicher. Überdies erkrankt der amerikanische Offizier bei seinem Besuch auf der Nachbarinsel Bali Ha'i an Malaria – ein häufiges Mitbringsel vom Leben in der Schönheit der Tropen. Skurrile Charaktere Der Regisseur lässt die Figuren der Geschichte in ihrer Zeit und wird in der historischen Verortung des Stückes von Judith Peters Kostümen unterstützt. Diese unterstreichen auch die teils skurrilen Charaktere, die sich auf dem amerikanischen Stützpunkt aufhalten: Für die Polynesierin 'Bloody Mary', wunderbar komisch gespielt und grandios gesungen von Lona Culmer-Schellbach, stellen die anwesenden Marines eine wichtige Einnahmequelle dar. Sie verkauft ihnen potenzfördernde Schrumpfköpfe und Baströcke, die sie in die Heimat schicken. Ihr männliches Pendant in der amerikanischen Navy ist der geschäftstüchtige 'Luther Billis'. Von oben bis unten tätowiert fällt Philippe Ducloux sofort ins Auge, was jedoch vor allem an seiner Bühnenpräsenz liegt. Er stattet seine Figur durch nuanciertes Schauspiel mit einem rauen Charme aus, der sie geradezu liebenswert macht. Bloody Mary und Luther Billis bilden das Buffopaar des Musicals, auch wenn sie kein wirkliches Paar sind. Die Handlung verknüpft sie eng mit dem Schicksal der beiden Hauptfiguren, 'Nellie Forbusch' und 'Emile de Beque'. Lebenshungrig und lebenserfahren Kristin Hölck ist 'Nellie Forbusch'. Sie lässt sich ganz auf die Rolle ein und spielt die unbekümmerte, entwaffnend ehrliche und tatkräftige junge Amerikanerin sehr überzeugend: "Ich wollte sehen, wie die Welt ist, ich wollte andere Menschen kennenlernen und herausfinden, ob sie mir nicht besser gefallen." In ihrer Neugier auf das Leben außerhalb von Little Rock tritt Nellie in manches Fettnäpfchen und reizt ihre Umwelt zum Lachen. Dennoch hat sie einfach jeder gern. Mit ihrem charakteristischen kraftvollen Sopran lässt die Darstellerin - zuweilen mit einem Lächeln in der Stimme - die lebenshungrige junge Frau lebendig werden. So wie Nellie über die Bühne wirbelt und alle mitreißt, wirbelt sie sich auch in das Herz von Emile de Beque. André Bauer verkörpert den charmanten gebildeten Franzosen, der sich in den "jungen, fröhlichen Menschen" verliebt, während er selbst anfangs nur in wenigen Momenten die eigene Zurückhaltung aufgibt. Der schmeichelnde Bariton des Darstellers erreichte zuweilen – weil die Partitur dies erfordert - Basstiefen und harmonierte sehr schön mit dem Sopran seiner Bühnenpartnerin. Leider wurden die Höhen bei der Premiere manchmal vom Orchester zugedeckt. In seiner Rolle gibt André Bauer der Unsicherheit des Franzosen Ausdruck. Er muss die Gelegenheit ergreifen, weiß er doch nicht, ob diese wieder kommt, aber darf er die junge Frau an sich binden? Einer der wohl berührendsten Momente entsteht, als Nellie vor ihm davon läuft, weil sie aufgrund ihrer intoleranten Erziehung mit der Situation nicht umgehen kann. Wie kann sie jemanden heiraten, der mit einer Eingeborenen zusammenlebte? In ihrer Ehrlichkeit macht Nellie Emile de Beque nichts vor. Sie weiß ja selbst keinen vernünftigen Grund für ihre Weigerung – ihr Gefühl verbietet es. Doch Emile de Beque kann und will sie nicht gehen lassen und stößt hervor: "Ich liebe Dich doch. Ich liebe Dich doch." Nach dem Thanks Giving-Fest stellt er sie verzweifelt zur Rede. Ohne sie, die er so braucht, wie es in der Reprise des melancholischen Walzers 'Some Enchanting Evening' heißt, ist ihm sein Leben nichts mehr wert. Solche ausdrucksstarken Momente dürfte es mehr geben. In seinem Schmerz vergisst Emile de Beque selbst seine beiden Kinder, für die er zu sorgen hat, und begibt sich in Todesgefahr. Matthias Stockinger spielt den jungen emotionalen 'Lieutenant Joe Cable'. Dem Kugelhagel der Front entkommen, soll er auf der Nachbarinsel einen Beobachtungsposten einrichten . Überzeugend vermittelt der Darsteller, weshalb Joe Cable die Liebe zu der schönen Polynesierin Liat (Meriam Lounifi) in die gleiche Situation bringt wie Nellie. Wie sie ist der junge Offizier unfähig, Standesgrenzen und gesellschaftliche Tabus zu überwinden, auch wenn er sich selbst dafür verflucht. Matthias Stockinger zeigt Bühnenpräsenz und singt sein großes Solo 'Younger than Springtime' berührend. Leben auf der Bühne Dem hervorragenden Ensemble, das Theater und Regie absolut typengerecht besetzt haben, war die Spielfreude mit diesem Stück Musicalgeschichte, das so gar nichts Verstaubtes hat, anzusehen. Daran waren neben der spürbar guten Personenregie auch Simon Eichenbergers lebendige und einfallsreiche Choreografien beteiligt. Passend zur Szenerie lässt er badende Damen mit Schwämmen in der Hand vor dem Badezuber twisten ('I' Gonna Wash that Man Outta My Hair'), beim Morgenlauf antreten, oder Marines bringen springend und stampfend die Bühne der Lagerszene zum Beben. Dem Staatstheater Kassel gelang mittels eines erfahrenen Regisseurs, der das Crossover des Musiktheaters beherrscht und die gekonnte Kombination von Gästen und Leuten aus dem eigenen Ensemble, South Pacific mit all seinen Facetten von Tragik, Komik und Hollywoodflair, mit aktueller Botschaft und zeitlosem Esprit auf die Bühne zu bringen. (Barbara Kern)
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