SOUTH PACIFIC
Staatstheater Kassel
Premiere 24. Oktober 2009

29.10.2009 Göttinger Tageblatt

Über der Fuldaaue rauschen die Palmen 

von Michael Schäfer

Palmen, unendliches Meer, am Horizont die untergehende Sonne, am Strand tanzende junge Frauen in Baströckchen mit buntem Blütenflor: Das ist Südseeromantik, die Traumlandschaft der 1950er Jahre. In dem Musical „South Pacific“ haben Richard Rodgers und Oscar Hammerstein dieses Paradies auf die Bühne gebracht. Das Staatstheater Kassel lässt nun nahe den Fuldaauen die Bühnenpalmen rauschen. Die Handlung folgt dem üblichen Schema: Im Zweiten Weltkrieg bekämpfen sich (gute) Amerikaner und (böse) Japaner. Die schöne junge Krankenschwester Nelly verliebt sich in Pflanzer Emile. Am Ende kriegen sie sich – was sonst.

Der Reiz dieses Musicals liegt vor allem in seinem hohen Nostalgie-Wert. Und in dem Umstand, dass das, was wir sonst nur auf der Leinwand zu sehen bekommen haben, sich nun live vor uns abspielt. Hier sind die mutigen amerikanischen Soldaten (...). Dort tändeln und flirten die einheimischen Schönen. Bloody Mary (komödiantisch und echt komisch: Lona Culmer-Schellbach), eine Verwandte von Brechts Mutter Courage, verdient gut an den Soldaten und hätte beinahe ihre Tochter bei ihnen unter die Haube gebracht. Das Traumpaar aber sind Krankenschwester Nellie und der grundanständige Pflanzer Emile. Ihre Liebe entzündet sich in den ersten Minuten, ist dann eine Bühnenstunde lang einigen Anfeindungen ausgesetzt, um am Ende um so strahlender zu triumphieren. Das glaubt man der ausgesprochen lebendig spielenden und singenden Kristin Hölck (Nellie) und André Bauer (als Emile ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle) natürlich aufs Wort. Am Ende muss das Taschentuch die Spuren der Rührung wegwischen.

Regisseur Matthias Davids weiß, wie er die Geschwindigkeit der Handlung zu steuern hat. Er ordnet und bewegt die Chor- und Statistenscharen mit sicherem Blick für angemessene Wirkung. Mathias Fischer-Dieskau ist für die wandelbare Südsee-Postkarten-Bühne zuständig, aus der mit wenigen Handgriffen ein US-Militär-Befehlsstand oder die weiße Terrasse der luxuriösen Pflanzervilla werden kann. All die gefühlsschwangeren Songs und Tanznummern des Musicals – sogar mit Ansätzen einer Leitmotivtechnik – sind bei Dirigent Kai Tietje in guten Händen: echte Hollywood-Edelschnulzen, die auch einem Cinemascope-Film gut angestanden hätten.

28.10.2009 South Pacific, Musicals Unlimited An enchanted evening - ein bezaubernder Abend: „South Pacific“ am Staatstheater Kassel von Claudia Bauer-Püschel

Am 24. Oktober 2009 feierte „South Pacific“, das Musical von Richard Rodgers (Musik), Oscar Hammerstein II (Songtexte und Buch) sowie Joshua Logan (Buch), am Staatstheater Kassel Premiere. Die Aufführung fand in der flüssigen deutschen Übersetzung von Frank Thannhäuser und mit übertitelten Original-Songtexten statt, und vorab sei in Anlehnung an den Evergreen des Stücks „Some Enchanted Evening“ gesagt, dass das Premierenpublikum „an enchanted evening“, einen bezaubernden Abend erlebte. „South Pacific“ - der Name beschreibt den Ort der Handlung, die im Südpazifik während des Zweiten Weltkriegs spielt. Hier treffen Welten aufeinander. Im Mittelpunkt steht dabei die Beziehung zwischen Fähnrich Nellie Forbush, einer jungen Militärkrankenschwester aus der konservativen, amerikanischen Provinz, und einem Mann mit Lebenserfahrung: dem Franzosen Emile de Becque. Seine tieferen Aussagen machen das Musical „South Pacific“ zu einem zeitlosen Stück, denn da geht es um kulturell bedingtes Unverständnis, Klischees, Vorurteile, Angst vor dem Fremden, Ablehnung des Andersartigen und darum, seine eigene Einstellung zu revidieren.

Richard Rodgers’ eingängige Musik hüllt die durchaus ernste Thematik in ein schmeichelndes Gewand. Kai Tietje (Musikalische Leitung) und sein Orchester interpretieren das Werk authentisch: So stellt man sich die Uraufführung vom 07. April 1949 vor. (1950 gewann „South Pacific“ übrigens alle vier Tony Awards, für die es nominiert war.) Matthias Davids hat „South Pacific“ am Staatstheater Kassel in Szene gesetzt, und seine Arbeit hat Hand und Fuß und berührt das Herz des Zuschauers. Er reißt die Handlung nicht aus ihrem ursprünglichen zeitlichen Kontext, sondern erzählt die Geschichte ganz im Sinn des Stücks. Mit ausreichend lockerem Witz und stringenter Zeichnung der Charaktere sorgt Matthias Davids Regie für einen unterhaltsam Abend mit Anspruch. Das Bewegungsrepertoire in Simon Eichenbergers Choreografie unterstützt die Stimmung der späten 1940er Jahre. Er bringt herrlich quirlige Ensemblenummern auf die Bühne.

Das Bühnendesign von Mathias Fischer-Dieskau passt mit seinen verschiebbaren Elementen und komplettiert durch stimmungsvolles Licht (Gerhard Jurkiewicz) perfekt zu „South Pacific“ und lässt das Musical nahezu wie einen Film nahtlos vor den Augen des Zuschauers ablaufen. Eine Landkarte zeigt während der Ouvertüre, wo die Reise in diesem Stück hingehen wird - eine simple, aber wirkungsvolle Idee. Eine witzige, dezente Anspielung auf die Moderne setzte der Wegweiser nach Kassel innerhalb der Truppenshow-Szene. In der Kasseler Premiere fiel eine Ungereimtheit im Zusammenhang mit den Projektionen auf: Da schoben sich mehrfach Militärausrüstung und eine Nummer aus verschiedenen Richtungen übereinander. In einer Szene blieb die Projektion der Nummer über einem Baum bzw. in der Luft stehen - ein Projektionsfehler oder doch ein Stück Abstraktion?

Die Kostüme (Judith Peters) wirken wie Originale von damals; man wird visuell sehr gut in Zeit und Ort der Geschichte hineinversetzt. Mit der Besetzung hat das Staatstheater Kassel eine rundum gute Wahl getroffen. Nellie Forbush wird bezaubernd jugendlich-frisch von Kristin Hölck dargestellt; sie beherrscht die drei Musicalsparten Schauspiel, Gesang und Tanz in dieser Rolle perfekt. Emile de Becque ist treffend mit André Bauer besetzt, dem man die ereignisreiche Vergangenheit der Hauptfigur ohne Zweifel abnimmt. Als Bloody Mary überzeugt Lona Culmer-Schellbach mit starker Bühnenpräsenz und einen konsequent durchgehaltenen Sprachakzent ihrer Figur. Philippe Ducloux füllt als Luther Billis die ganze - auch gesangliche - Bandbreite der Rolle zum Vergnügen des Publikums treffend aus. Namentlich erwähnt seien auch Seu-Hyun Ahn (Ngana) und Leon Demuru (Jerome), die ihr Talent als Kinder Emiles in der Premiere unter Beweis stellen konnten. Meriam Lounifi zeigte als Liat, dass ein Bühnencharakter auch ohne viel Text eine Menge ausdrücken kann. - Damit wären nur ein paar Mitglieder der insgesamt hervorragenden, mehr als 40-köpfigen Abendbesetzung - darunter auch Michael Clauder, Sven Olaf Denkinger, Herwig Lucas, Tim Ludwig, Martin Rüegg und Matthias Stockinger - genannt.

Wenn man an „South Pacific“ Kritik üben möchte, dann allenfalls an der Länge des ersten Aktes; den hätten die Urheber des Werks bereits hier und da ein wenig straffen können. Bis auf die bereits erwähnte unverständliche Projektion und ein paar kleine Versprecher bekam das Publikum eine absolut runde Premiere zu sehen. Wer sich erstmals mit einem Rogers/Hammerstein-Stück befassen möchte, dem sei wärmstens ans Herz gelegt, mit der Kasseler „South Pacific“-Produktion zu beginnen. Freunde der Rodgers/Hammerstein-Werke werden eine absolut angemessene Inszenierung zu sehen bekommen. Das Premierenpublikum spendierte für alle Mitwirkenden stehende Ovationen, als das Kreativteam die Bühne betrat.

 

 

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