SCHÖNE NEUE WELT

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musicalzentrale (Kai Wulfes): Mit [Volker Ludwigs] feinsinnig-satirischen Texten, in die allerlei aktuelle Spitzen einfließen hält er dem Publikum den Spiegel vor: Geburt und Tod sind längst instrumentalisiert, sexuelle Triebe werden mithilfe der Medien ausgelebt, berauschende Drogen vernebeln Probleme und wer nicht einer genormten Optik folgt, gilt als Außenseiter. [...] Schon wegen der ironischen Texte gefallen der im Museum intonierte Mutter-Song sowie "Das Leben ist Lalala", mit dem das oberflächliche Lebensgefühl der genussorientierten Gesellschaft charakterisiert wird. Die auf der Balustrade über der Bühne postierte Band "No Worries" powert sich unter Gieselers Leitung durch die Partitur, dass es eine wahre Freude ist. Mit seiner Inszenierung folgt Matthias Davids ganz dem satirischen Ansatz der Vorlage. Dabei nutzt er geschickt den gesamten Theaterraum, in dem die Zuschauer wie in einer Arena an drei Seiten um die kahle, durch sechs schnell wandelbare Prospekte begrenzte, Bühnenfläche (Bühnenbild: Mathias Fischer-Dieskau) herumsitzen. Davids lässt seine Darsteller häufig in Richtung des Publikums abgehen oder wieder auftreten und verlegt die in der Sächsischen Schweiz spielende Szene, in der der Wilde und die von ihm angebetete Lenina zusammenfinden, auf den Umgang mit den Scheinwerfern. Großen Wert legt Davids bei der Darstellerführung auf die Charakterisierung der einzelnen Bevölkerungsschichten: Die zum Arbeiten verdonnerten Deltas und Epsilons sind nur noch tumbe Bewegungsroboter, während die Alpha-Führungsriege ganz smart und intellektuell daherkommt.

Radio 1: Ein stimmgewaltiges Schauspiel-Ensemble, das die Kunst des Musicals beherrscht. Es gelingt ihnen sehr plastisch, die gefühllosen, künstlich gezüchteten Bewohner der Schönen Neuen Welt darzustellen."

Süddeutsche Zeitung (Peter Laudenbach): Optisch ist der Abend eine gelungene Mischung aus der bunten Welt der Teletubbies und einem konsumkritischem Comicstrip. Schön dumm, synthetisch und garantiert "pneumatisch" stöckeln die Beta-Blondinen durchs Leben, grau in grau beherrscht die Funktionselite der Alpha-Klasse die Welt und das Brut- und Normcenter. Die Inszenierung ist innerhalb der Gen- und Konsum-Debatte so etwas wie ein Spielplatz im Menschenpark. (...) Huxleys schwarze Utopie einer durch Gen-Züchtung und frühkindliche Konditionierung in Menschenklassen unterteilte Gesellschaft wirkt angesichts geklonter Tiere und entschlüsselter Gen-Codes gespenstisch aktuell.

musicals: Beeindruckend ist die bühnentechnische Umsetzung (Mathias Fischer-Dieskau) in diesem kleinen Theater. Mit kleinem Aufwand erzeugt man relativ große Effekte. Ein Leinwandstreifen oberhalb der Bühne dient mit ständig wechselnden Einblendungen zum Beispiel der Kommunikation zwischen Mustafa Bond und den Untergebenen. Auch das Schlaflabor der Kinder wird so veranschaulicht. Von hinten angestrahlte Leinwände, die durch Weiterrollen immer wieder neue 3D-Motive zeigen, bilden die Rückwand. Der gesamte Raum wird bespielt, so jagt die Meute unter der Decke in den Gerüsten umher und sämtliche Ein- und Ausgänge werden für Auftritte genutzt.

dpa (Elke Vogel): Dank der Glücksdroge Soma hüpfen die Figuren in der Inszenierung von Matthias Davids umher wie in einem Louis-de-Funès-Film der 70er Jahre. Zwischen riesigen Plüscheiern bewegen sich Gestalten mit pittoresk aufgetürmten Haartollen, Miniröckchen und Latzhosen, deren Stoff eindeutig von den Polstern in Berlins öffentlichen Verkehrsmitteln stammt. Ludwig versucht immer wieder, in seinem Text Themen des 21. Jahrhunderts unterzubringen. Platz für Außenseiter gibt es nicht. Als John, der „Wilde“, das scheinbar geschlossene System mit seinem unerwünschten Individualismus herausfordert, kommt es zum Showdown. Anders als im Buch, stirbt der Held aber nicht, doch ein Happy End bleibt ebenso aus.

ap: Im Berliner Grips-Theater wurde «Schöne neue Welt» am Donnerstag als Musical uraufgeführt - und vom Publikum mit langem Applaus gefeiert. [...] In sexy rosa Kleidchen spaziert und tanzt Lenina durch ihr Leben. Und darum funktioniert «Schöne neue Welt» auch hervorragend als Musical: Huxleys Welt globalen Glücks, in der es nur um Spaß, Konsum, Sex und Luxus geht, ist ohnehin so künstlich, dass man sich kaum wundert, wenn Lenina und ihre Freundinnen unmotiviert anfangen zu singen und zu tanzen. Komponist Achim Gieseler, der die deutschsprachigen Rechte für eine Bühnenfassung des Romans direkt von Huxleys Witwe bekam, hat aus der Romanvorlage ein klassisches Musical gemacht: Neben modernen Popsongs gibt es schmachtend-schnulzige Duette und wilde Tanznummern. Auch Volker Ludwig, der die Texte geschrieben hat, ist ein Musical-Profi: Der langjährige Leiter des Grips-Theaters hat unter anderem «Linie 1» geschrieben - nach Brechts Dreigroschenoper das erfolgreichste deutsche Musical. Mit ironischen Songs wie «Das Leben ist Lalala» gelingt es ihm, Huxleys Welt schlüssig und witzig auf die Bühne zu bringen. [...] Anders als im Buch, in dem John schnell begreift, dass er nicht in diese Welt gehört und dass Lenina und er schlicht zu verschieden sind, beginnt die Lenina auf der Grips-Theater-Bühne langsam zu verstehen, was Liebe bedeutet. Sie fängt an, die «Schöne neue Welt» zu hinterfragen und setzt für John ihr normiertes, aber glückliches Leben aufs Spiel. Regisseur Matthias Davids macht aus Lenina und John quasi ein utopisches Romeo-und-Julia-Pärchen.

tagesspiegel (Rüdiger Schaper): Mathias Fischer-Dieskau schafft in der kleinen Arena immer wieder Raum und Tiefe. Eine irreführende Perspektive: Die auf die Rückwand projizierte Architektur strahlt strenge Sachlichkeit aus. Oben auf der Brücke, auf ihrem Stammplatz, die Musiker um George Kranz, den Drummer. Die No-Ticket-Band, wie sie sich in der „Linie 1“ nennen. [...Volker Ludwig] ist ein Erzähler, dem Junge und Alte zuhören. So sind die großen Grips-Stücke im Grunde allesamt: Märchen der Großstadt.

musicalzentrale.de: Volker Ludwig, der den von Aldous Huxley als bissige Satire auf die Verhältnisse der Entstehungszeit geschriebenen Roman für die Musicalbühne adaptiert hat, lässt keinen Zweifel offen: Unsere Gesellschaft lebt bereits in der dargestellten Zukunft, den meisten ist es nur noch nicht bewusst. Mit seinen feinsinnig-satirischen Texten, in die allerlei aktuelle Spitzen einfließen hält er dem Publikum den Spiegel vor: Geburt und Tod sind längst instrumentalisiert, sexuelle Triebe werden mithilfe der Medien ausgelebt, berauschende Drogen vernebeln Probleme und wer nicht einer genormten Optik folgt, gilt als Außenseiter.

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