IL VIAGGIO A REIMS (DIE REISE NACH REIMS)
Staatsoper Hannover Premiere 10. April 2010

Der Opernfreund, April 2010

VON MARTIN FREITAG

Premiere am 10.04.10, bes. Vorst. am 15.04.10

"Die Reise nach Reims" ist immer noch einer von den Geheimtipps unter den Rossini-Opern, dabei ist die Nicht-Handlung um wartende Reisende, die zur Krönung von Charles X. nach Reims wollen, doch nicht vom Fleck kommen, nicht nur eine Europa-Oper par excellence, sondern wartet mit den teilweise schönsten Melodien des Meisters aus Pesaro auf, die er schließlich in einer neuen Fassung, "Le comte Ory" als Komödie zu retten versuchte. Matthias Davids' Neuinszenierung an der Staatsoper Hannover geriet durch einen Zufall zu einer der aktuellsten Operninszenierungen, denn sie spielt heute auf einem herrlich farbig ausgestatteten, abwechslungsreichen Flughafenterminal, zum gleichen Zeitpunkt saßen viele Reisende durch den isländischen Vulkanausbruch auf den europäischen Flughäfen fest. Marina Hellmanns Bühne sah nicht nur klasse aus, sondern bot dem Spielleiter viele Möglichkeiten, die auch alle ge- und benutzt wurden. Davids ist vor allem durch seine gekonnten Musical und Operetteninszenierungen bekannt, erweist sich aber auch als wundervoller Opernregisseur, der weiß seine Personen sinnvoll und spannend zu bewegen, dem Publikum doch auch an den richtigen Stellen Zeit läßt, sich auf die Musik zu konzentrieren, dem Werk Vertrauen schenkt, ohne in wilden Aktionismus zu verfallen, allein dafür gehört ihm gebührendes Lob. Die Handlungsnichtigkeiten werden durch leicht surreale Geschehnisse konterkariert, die zu dem Werkgestus von Rossini-Opern bestens passen. Leo Kulas präsentiert die Handlungsträger in geschmackvoll charakterisierenden Kostümen. Auch die musikalische Leitung von Gregor Bühl steht unter einem guten Stern, mit dem sicheren Niedersächsischen Staatsorchester und dem spielfreudigem Chor gelingt ein herrlich trockenes Brio. Besonders die extrem schön ausgeloteten Ensembles sind penibel einstudiert worden und ein Musterbeispiel leisen  (was heute nicht so oft geschieht!) Musizierens

Indes leben und sterben Rossini-Opern mit den Sängern; in Hannover wird auf einem soliden, doch nicht perfekten Niveau gesungen, was mehr als ausreichend ist, denn alle Sänger sind auch begabte Darsteller. Dorothea Maria Marx singt die leuchtenden Bögen der Improvisationsartistin Corinna mit schöner Ziselierung als Netrebko-Star-Paraphrase. Julia Faylenbogens polnische Marchesa Melibea gefällt durch sinnliches Mezzo-Timbre. Hinako Yoshikawas Modetussi Contessa de Folleville besitzt Charme, lediglich in den schnellen Fiorituren gerät sie leichtes Schleudern. Der französische Cavalier Belfiore gerät Ivan Tursic mit leichtem Tenor zu einer reizenden , komödiantischen Studie. Sung-Keun Park versucht dem sehr weißen Timbre seines Tenors, was gut zu Rossini passt, eine leidenschaftliche Interpretation des liebenden Russen Libenskof zu geben. Tobias Schabel macht seine Sache als Lord Sidney hervorragend, obwohl er eigentlich keine Rossini-Stimme besitzt. Frank Schneiders Don Profondo gefällt mit üppigen Bassbariton und erheblichem Buffo-Temperament. Shavleg Armasi gelingt, den ausgleichenden Baron di Trombonok als liebenswerten, deutschen Exzentriker (Moshammer läßt grüßen) darzustellen. Jin-Ho Yoos spanischer Don Alvaro singt mit ausgeglichenem Bariton. Young Myoung Kwon, Anke Briegel, Mareike Morr, Sandra Fechner und Peter Michailov charakterisieren ihre gar nicht so kleinen Nebenpartien schauspielerisch ausgezeichnet und gesanglich auf gleichem gediegenem Niveau. Einzig Ania Vegry sticht aus dem Ensemble heraus, denn ihr glockenklarer Sopran singt Rossini klanglich doch noch eine Liga höher. Was den Abend jedoch wirklich ausmacht ist die großartige Ensembleleistung, in den teilweise fünfzehnstimmigen Finali. Ruth-Alice Marino an Harfe und Alexander Stein mit konzertierender Soloflöte gehören da ausdrücklich mit eingeschlossen. Ein amüsanter, belebender Abend, der das Hannoveraner Publikum mitriß und begeisterte.

 

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