IL VIAGGIO A REIMS (DIE REISE NACH REIMS)
Staatsoper Hannover Premiere 10. April 2010

Neue Presse, 12. April 2010

Lustreise
Gioacchino Rossinis "Die Reise nach Reims" kommt in der hannoverschen Staatsoper sehr gut an

VON RAINER WAGNER 

Wenn der Weg das Ziel ist, wie manche Philosophen glauben, was ist dann der Start? Die ­Verheißung? Und der Fehlstart? Eine Chance! 

Um eine Reise, die schon deshalb nicht ans Ziel führt, weil sie nie richtig beginnt, geht es in Gioacchino Rossinis Oper „Il Viaggio a Reims“. Doch bei der Premiere im hannoverschen Opernhaus kam diese „Reise nach Reims“ sehr gut an: Es gab einstimmigen und lauten Beifall, der wohl noch länger gedauert hätte, wenn man in der Staatsoper den Verbeugungsfahrplan besser in den Griff bekäme: Wer da nach vorne stürmt, muss schon mal mit einem voreiligen Vorhang von oben rechnen! 

Selbstverständlich ist so ein Erfolg nicht, denn Rossinis „Dramma giocoso“ ist ein kurioses Stück: ein Opernsoufflé – luftig, aber nicht leicht. Ein Nichts an Handlung, aber schwer zu stemmen. Was daran liegt, dass Rossini Maßarbeit für ein Spitzenensemble schuf. Der damalige künstlerische Leiter des Théâtre Italien in Paris hatte 1824 nämlich Stars im Überfluss und musste sie beschäftigen. Was heutigen Opernintendanten den Angstschweiß auf die Stirn treiben könnte. Umso eindrucksvoller, wie das Ensemble der Staatsoper Hannover hier mit Teamwork und Powerplay überzeugte. 

„Il Viaggio a Reims“ wurde 1825 anlässlich der Krönung Charles? X. in Reims komponiert und war schnell inaktuell. Die Oper wurde nur viermal gespielt, später als Steinbruch für Rossinis Oper „Le Comte Ory“ verwendet, vergessen und erst vor knapp drei Jahrzehnten wiederentdeckt. 

Es geht um eine Gruppe besserer Herrschaften, die nach Reims zur Königskrönung fahren wollen, aber leider nie vom Platz kommen. In Hannover haben Regisseur Matthias Davids und seine Bühnenbildnerin Marina Hellmann das alles auf einen realistisch wirkenden Flug­hafen verlegt, auf dem Maddalena (nicht nur auf den High Heels sicher: Mareike Morr) und Madama Cortese (selbstbewusst: Ania Vegry) den Ton angeben. Auch am Airport geht nichts mehr – weder vorwärts noch aufwärts. Dafür geht allerlei untereinander. Da gibt es den schüchternen Lord Sidney (angemessen linkisch: Tobias Schabel), der die Primadonna (souverän: Karen Frankenstein) aus der Ferne anschmachtet – und am Ende doch ihr Kronprinz wird. Der Spanier Don Alvaro (Jin-Ho Yoo) und der Russe di Libenskof (Sung-Keun Park) wetteifern um die Marchesa Melibea (selbstbewusst: Monika Walerowicz). Da bekommt beim Entblättern des Liebsten das Wort Sockenschuss eine ganz neue Deutung: Der Mann ist gut bestrumpft. 

Leo Kulas darf mit seinen Kostümentwürfen mit Erwartungshaltungen spielen. Nun sieht der italienische Sammler Don Profondo (mit Vollgas: Frank Schneiders) aus, wie man sich einen deutschen Professorenzausel vorstellt. Während der Baron di Trombonok (jovial: Shavleg Armasi) durch Farbsignale im Moshammer-Look signalisiert, dass er der Deutsche ist. 

Regisseur Matthias Davids gilt mit ­einigem Recht als Musical-Spezialist (er hat in Hannover „Guys and Dolls“ und „Im weißen Rössl“ inszeniert) – und diese Erfahrung bekommt Rossinis Musikkomödie sehr gut. 

Es gibt ein Fülle kleinerer Gags, keine Schenkelklopfer, sondern Schmunzelanreger. Aber wie diese Inszenierung mit den Übertiteln spielt, das allein ist schon ein paar Lachtränchen wert. Das alles funktioniert deshalb so gut, weil die Spannung zwischen den Nichtigkeiten des Lebens und der Ernsthafigkeit der musikalischen Gefühle gewahrt bleibt. Wenn sich die Contessa di Folleville (umwerfend: Nicole Chevalier) über die Unbilden des Schicksals echauffiert, dann muss die Musik ihr Leiden glaubhaft machen, auch wenn es beim vermeintlichen Verlust nur um einen verlorenen Hut geht. 

Gregor Bühl am Pult des erfreulich geistesgegenwärtigen und klangvollen Niedersächsischen Staatsorchesters hält nicht nur die Maschinerie von Rossinis Musikwalze perfekt in Gang, er sorgt auch für Zwischentöne, für musikalischen Klimawechsel. Eine souveräne Leistung. 

In einer Oper, die schon einmal 14 Solisten zum Zwischenfinale versammelt, muss sich ein Komponist etwas einfallen lassen, wenn er sich zum Finale steigern will. Hier ist es ein musikalisches Selbstporträt der Nationen. Und da erlauben sich Regisseur Davids und sein Dramaturg Ulrich Lenz auch ein paar Freiheiten mit dem Text. Dann singt der Deutsche die Nationalhymne (die es zu Rossinis Lebzeiten so nicht gab), phantasiert der Russe (zu kyrillischen Übertiteln) vor sich hin, und die originale „Tirolese“ klingt wie die Abschlussprüfung fürs Jodeldiplom. 

Am Ende aber steht eine gemeinsame Hymne auf den wahren König des Abends: „Viva Rossini“. 

Zu Recht, denn an diesem Abend wird der Wunsch zur Wirklichkeit: gute Unterhaltung! 

 

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