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IL
VIAGGIO A
REIMS
(DIE REISE NACH REIMS) Gefangen in der
Warteschleife Lost in travelling ... »Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund unvorhergesehener Störungen im Betriebsablauf verschiebt sich die Weiterfahrt aller Züge auf unabsehbare Zeit. Wir bitten um Ihr Verständnis! « – Schon mal irgendwo gehört, oder? Und dann sitzt man da in der Kälte, der Heimat ebenso fern wie dem Zielort seiner Reise, und grübelt mangels anderer Beschäftigung über die Art jener mysteriöser Störungen, von denen da die Rede war und die so unvorhergesehen, einer unbekannten höheren Fügung Folge leistend, über uns hereingebrochen sind und die Zeit zu einem endlosen und gleichförmigen, weil unabsehbaren Kontinuum gemacht haben. Nicht nur die Züge, auch die Zeit scheint still zu stehen oder sich in einem endlosen Kreis zu drehen. »Und täglich grüßt das Murmeltier« – »Lost in travelling«! Ganz ähnlich ergeht es den Protagonisten in Gioacchino Rossinis Il viaggio a Reims: Nach Reims soll die Reise gehen – doch kommt keiner der Reisenden je dort an! Ein Stück surrealistisches Theater ist das, was Rossini da im Jahre 1825 im Théâtre-Italien in Paris zur Uraufführung brachte, des Komponisten letzte italienische Oper, geschrieben aus Anlass der Krönungsfeierlichkeiten für König Charles X. von Frankreich. Der besondere Anlass rechtfertigte auch einen besonderen Plot, und so stand weniger eine herkömmliche Handlung im Mittelpunkt des Interesses von Rossini und seinem Librettisten Giuseppe Ballochi als vielmehr die Absicht, den Gesangsstars des Théâtre- Italien ihre jeweiligen Rollen auf den Leib zu schreiben und aus der »Krönungsoper« nicht zuletzt ein Fest der Stimmen zu machen. Und da also auf einen Handlungsverlauf keine Rücksicht genommen werden musste, konzentrierten sich Rossini und sein Textdichter mit all ihrem Witz und ihrer Ironie auf die Charakterisierung der spleenigen Reisenden aus ganz Europa, die letztlich nur eines verbindet: dass sie alle nach Reims wollen, aber nicht dorthin kommen – »Lost in travelling«! Mit den breit angelegten, höchste stimmliche Anforderungen stellenden Arien, in denen die Protagonisten ihre (angesichts eigentlich unbedeutender Lappalien reichlich übertriebenen) Emotionen mit großem Pathos ausstellen, schrieb der für seinen Humor weithin bekannte Rossini eine Buffa- Oper, die sich auf den zweiten Blick auch als Parodie auf Starallüren und Diventum begreifen lässt. So stimmt die modebewusste französische Gräfin von Folleville gleich zu Beginn der Oper eine Klagearie an, die einer griechischen Tragödin würdig wäre – und das einzig und allein, weil ihr gesamtes Gepäck verloren ging und sie sich ihrer gesamten Garderobe beraubt sieht! »Reisen, o Himmel, will ich«, singt die verzweifelte Gräfin, »nun kann ich es nicht mehr. Das verbietet mir meine Ehre! Ihr Frauen, ihr allein könnt meinen Schmerz verstehen!« Welch Glück, dass der bemitleidenswerten Frau dann doch noch ein Hut, ein einziger Hut geblieben ist, den sie mit demselben Überschwang preist, mit dem sie zuvor ihr Leid beklagt hat. Lost in love! Wer viel mit Bahn oder Flugzeug unterwegs ist, der kennt nicht nur das Gefühl, ein Gefangener in der Warteschleife zu sein, sondern auch die seltsame zwischenmenschliche Dynamik, die eine Gruppe Wartender bei zunehmender Aussichtslosigkeit auf eine baldige Auflösung der Situation entwickelt: Auf einmal kommt man mit wildfremden Menschen ins Gespräch, fühlt sich angesichts der gemeinsam erduldeten Qualen zu einer Leidensgemeinschaft zusammengeschweißt, je nach Situation – gerne fällt bei derlei Gelegenheiten ja auch mal die Heizung aus! – kommt man sich vielleicht sogar körperlich näher ... Gleich zwei Mitwartende sind es, die in Rossinis Oper die polnische Marquise Melibea mit dem Feuer ihrer Herzen wärmen wollen: der russische Graf von Libenskof und der Spanier Don Alvaro. Genauso feurig wie ihre Herzen lodert allerdings auch ihre Eifersucht, und so kann eine Eskalation der Situation nur durch Opernstar Corinna verhindert werden, deren bloßes Erscheinen die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht. Tja, auch Stars sind manchmal »lost in travelling «! Anders aber als Claudia Schiffer, die unlängst als eine der ersten aus dem Eurotunnel gerettet wurde, während die meisten anderen Passagiere bis zu 16 Stunden in Eiseskälte ausharren durften, ist die Corinna in Rossinis Il viaggio a Reims zum gleichen Schicksal wie alle anderen Reisenden verdammt. Und hat wie die Marquise Melibea ebenfalls alsbald zwei ganz besonders innige, wenn auch nicht ganz so ungestüme Verehrer: Während sich der französische Cavalier Belfiore der Angebeteten unter dem Motto »Wahre Liebe leidet lustvoll« zu nähern versucht, verhindert die mit der Muttermilch eingesogene »feine englische Art«, dass Lord Sidney anders als in entsagungsvoller Ferne um seine Corinna schmachtet. Bisweilen jedoch agiert ein solches Kollektiv von Wartenden in der allgemeinen Verzweiflung völlig überraschend und ohne vorherige Absprache auch als homogene Gruppe, formiert sich zum Kampf gegen das blinde, ungerechte Schicksal, will den »mysteriösen Störungen« auf den Grund gehen und stellt dazu Flugpersonal oder Bahnschaffner – bisweilen auch unsanft – zur Rede! Die Reisenden in Rossinis Il viaggio a Reims hingegen haben sich längst in ihr Schicksal ergeben und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Wer weiß schon, wann man die Reise wird fortsetzen können! Besser, man macht es sich erst einmal gemütlich (So eine Nacht auf dem kalten Boden einer Abflughalle kann mörderisch sein!) und sucht nach einem unterhaltsamen Zeitvertreib (Hat jemand Spielkarten dabei? Oder kennen wir ein Lied, das wir gemeinsam singen können?). Die Reise nach Reims – die ist auf jeden Fall »auf unbestimmte Zeit verschoben«! Lost in library? Auch Rossinis Partitur von Il viaggio a Reims hat eine abenteuerliche Reise hinter sich, in deren Verlauf sie für sehr lange Zeit in der Warteschleife hing: Da sich der Komponist bewusst war, dass dem Werk der besondere Anlass seiner Entstehung und Uraufführung – also die Krönung Charles‘ X. – in einer außergewöhnlichen Art und Weise eingeschrieben war, zog er die Oper nach nur vier Aufführungen zurück und übernahm etwa die Hälfte davon in die zwei Jahre später uraufgeführte Oper Le Comte Ory. Erst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fand man in Bibliotheken über ganz Europa verteilt die fehlenden Quellen, um Il viaggio a Reims wieder rekonstruieren zu können. Federführend bei dieser Rekonstruktionsarbeit waren die amerikanischen Rossini- Spezialisten Janet Johnson (Herausgeberin der Kritischen Ausgabe von Il viaggio a Reims) und Philip Gossett. Dank ihrer unermüdlichen Recherche-Arbeit konnte die verschollen geglaubte Oper 1984 beim Rossini- Festival in Pesaro unter der Leitung von Claudio Abbado in ihrer originalen Gestalt quasi ein zweites Mal uraufgeführt werden – und das mit einem Erfolg, der bis heute ungebrochen ist. Der besondere Anlass seiner Entstehung, der uns auch innerhalb des Werkes auf Schritt und Tritt begegnet, war schon zu Rossinis Lebzeiten historisch überholt. In seiner humorvollen Schilderung der Absurditäten des Lebens und des Reisens (als Abbild des Lebens) und der Verrücktheiten von willkürlich zusammengeworfenen Menschen aus ganz Europa, in einem surrealistisch anmutenden Tableau auf die Opernbühne gestellt, war der Meister aus Pesaro jedoch seiner Zeit weit voraus – so dass er alle Anschlusszüge bis heute locker erreicht. »Bitte zurückbleiben! Türen schließen selbsttätig! Vorsicht bei der Abfahrt! Wir entschuldigen uns noch Mal für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten und wünschen Ihnen eine gute Reise!« Text: Staatsoper Hannover |
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