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MISS SAIGON musicals, April/Mai 2011 MISS SAIGON - Sehenswerte österreichische Erstaufführung Von Gerhard Knopf Nachdem sie mit "Les Misérables" in der Produktion von Cameron Mackintosh einen Superhit gelandet hatten , waren die Erwartungen Ende der 1980er-Jahre an das nachfolgende Musical von Alan Boublil und Claude-Michel Schönberg enorm - zumal "Miss Saigon" eine Butterfly-Variante vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges versprach. Und das französische Autorenduo enttäuschte seine Fans nicht. Fünf Jahre nach der Uraufführung in London kam "Miss Saigon" in der Originalinszenierung von Nicholas Hytner nach Stuttgart (sehr Musicals Heft 51, Seite 4). Dort wurde mit der deutschsprachigen Erstaufführung am 2. Dezember 1994 das spätere Apollo Theater im SI-Centrum eingeweiht. Fünf Jahre war "Miss Saigon" dort zu sehen. Dann verschwand das Werk von der Bildfläche, bis das Theater St. Gallen die Rechte für die Schweizer Erstaufführung 2003 erhielt. Hier durfte frei inszeniert werden, was Matthias Davids sehr erfolgreich tat (siehe Musicals Heft 100, Seite 20). Davids übernahm nun acht Jahre später auch die Regie bei der österreichischen Erstaufführung am Stadttheater Klagenfurt. Von Anfang an musste sich "Miss Saigon" immer wieder den Vorwurf billiger Herz-Schmerz-Effekte gefallen lassen - und ja, es geht in diesem Musical um große Gefühle und Leidenschaft, aber Boublil und Schönberg erzählen die hochemotionale Liebesgeschichte von Chris und Kim durchaus ernsthaft vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges. Das Leid, das ein Krieg über die Menschen bringt, und was es aus ihnen macht, wird immer wieder eindrucksvoll deutlich. Insofern ist das über 20 Jahre alte Stück aktuell - und auch bewegend. Ob dabei "Miss Saigon" mit zu viel Pathos daherkommt, muss wohl jeder Besucher für sich selbst entscheiden. Schönbergs durchkomponierte Musik jedenfalls hebt sich wohltuend von den zurzeit (zumindest auf Produzentenseite) hoch im Kurs stehenden Compilation-Shows ab, auch wenn diese mehr einzelne Hitsongs aufweisen mögen. Man kann sicher das mit Saxofon-Klängen unterlegte "Die Nacht der Welt" als anrührend-hübsches Duett empfinden oder als banale Schnulze abtun, Kims Albtraum, das erste Aufeinandertreffen von Kim und Ellen sowie Ellens anschließendes Solo "Ich kam und sah sie" sind aber starke Momente, die ihre Wirkung nicht verfehlen, ebensowenig wie die große "American Dream"-Shownummer . Die Songtexte sind zweifellos nicht die stärksten und die Übersetzung von Heinz Rudolf Kunze ist zudem an manchen Stellen wenig glücklich - trotzdem ist es ein Gewinn, dieses Musical überhaupt einmal wieder auf einer Bühne erleben zu können. Allein dafür verdient das Stadttheater Klagenfurt Anerkennung. Dass es darüber hinaus noch mit einer erstklassigen Produktion aufwarten kann, macht die Wiederbegegnung mit "Miss Saigon" umso erfreulicher. Dass es keine "Special Effects" der Originalproduktion wie die riesige goldglänzende Ho-Chi-Minh-Statue oder einen Hubschrauber zur Evakuierung der Soldaten geben würde, war von vornherein klar. Aber man vermisste auch weder das eine noch das andere, was in erster Linie das Verdienst von Bühnenbildner Hans Kudlich ist. Wie schon in St. Gallen diente das imposante Wrack eines abgestürzten Flugzeugs als zentrale Spielfläche. Mittels Drehbühne und ein paar Kulissenließen sich ebenso fließend wie rasch die unterschiedlichsten Schauplätze zaubern. Durch die stets sichtbaren Trümmer blieben in jedem Moment die Schrecken des Krieges präsent. Und auch wenn sich in den Trümmern neues Leben einrichtete, man war immer weit entfernt von einem Postkarten-Asien. Für das richtige Licht sorgte Michael Grundner, Magali Gerberon für die Kostüme. Dass manche Chormitglieder in den Vietcong-Soldatenuniformen eher putzig wie Dirk Bach im Dschungelcamp als entschlossen-kämpferisch aussahen, hätte man vielleicht vermeiden können. Letztlich tat das dem positiven Gesamteindruck aber ebenso wenig Abbruch, wie das noch zu lasche Aufmarschieren bei der "Dämmerung des Drachens"-Sequenz (Choreografie: Melissa King). Matthias Davids bietet in seiner Inszenierung nicht zuletzt dank detaillierter Personenführung zahlreiche packende Momente. Gleich zu Beginn im Nachtclub etwa: Gigi, eines der käuflichen Mädchen, haut einen GO wegen eines Visums an und wird von diesem sofort schroff weggestoßen, woraufhin sie vom Engineer, dem Nachtclub-Besitzer, nicht weniger deutlich aufgefordert wird , gefälligst ihre Arbeit zu machen. Wenn Gigi (Marides Lazo) dann auf dem Schoß des GIs sitzt und "Mein Märchenfilm vom Glück" singt, ist das keine große Sache, trotzdem wird ein ganzes Schicksal deutlich. Szenisch ebenfalls keine wirklich große Sache ist auch die Evakuierung der Soldaten vom Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon, aber wenn zu den dröhnenden Hubschrauber-Geräuschen die GIs an Seilen nach oben in den Schnürboden bzw. in die imaginären Hubschrauber gezogen werden, während das Volk außen vor bleibt, genügt das völlig, um die Dramatik der Geschehnisse eindringlich zu vermitteln. Erfreulicherweise kann Klagenfurt zudem mit eindrucksvollen Solisten aufwarten. Newcomerin Kun Jing gab mit herbem Charme und schauspielerischem Feuereifer ein großartiges Rollendebut als Kim. Ihre Stimme scheint zwar nicht sonderlich groß zu sein, aber wie intensiv sie auch gesanglich beispielsweise den Schmerz über den Tod der Eltern auszudrücken vermochte, war höchst beachtlich. Prominent besetzt ist die Rolle des Chris mit Carsten Lepper, der mit kraftvoller Stimme auch nicht enttäuschte und gleich mit seinem Solo "Mein Gott, warum" begeisterte. In jeder Beziehung hinreißend gelang etwa die "Ich glaub an dich"-Sequenz zusammen mit der einfühlsamen Wietske van Tongeren als Chris´ Ehefrau Ellen. Die gleiche packende Intensität hätte man dem Aufeinandertreffen von Ellen und Kim gewünscht, das aber erstaunlicherweise - zumindest am Premierenabend - etwas schwächer ausfiel. Daniel Eriksson als Engineer startete etwas blass, gewann aber dann ab seinem "Tja, wer stirbt nicht gern im Bett" an Präsenz und gab den anpassungsfähigen Zyniker letztlich überzeugend. Starke Auftritte lieferten Romeo Salazar als Thuy, der allerdings nicht leicht zu verstehen war, ebenso wie David Whitley, der sich als John in seinem gut gesungenen "Bui Doi"-Solo zwar merklich um eine deutliche Aussprache bemühte, ansonsten in Sachen Textverständlichkeit aber doch Wünsche offen ließ. Nicht ganz hundertprozentig war auch der Sound: Das Schlagwerk im von Michael Brandstätter souverän geleiteten Kärntner Sinfonieorchester drängte mitunter zu sehr in den Vordergrund und insbesondere bei den Frauen schien der Ton oft zu weit aufgedreht - das sollte sich jedoch in den weiteren Aufführungen und in der Sommerspielzeit Ende Juli, Anfang August regeln lassen. Erwartungsgemäß gelang es dem Stadttheater Klagenfurt auch mit der österreichischen Erstaufführung von "Miss Saigon", seinen Ruf als Garant für hochwertige Musicalproduktionen nachdrücklich zu unterstreichen.
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