MISS SAIGON
Theater Klagenfurt
Premiere 3. Februar 2011

blickpunkt musical, März/April 2011

Platz für Gefühl

Österreichische Erstaufführung von Miss Saigon am Stadttheater Klagenfurt

Von JUTTA SEIDL

Die tragisch endende Liebesgeschichte zwischen dem GI Chris und der Vietnamesin Kim ist in vieler Hinsicht ein Vorzeigebeispiel für das moderne Musical in allen seinen positiven und negativen Facetten. Der Kitschvorwurf, den die Kritiker so oft bemühen, lässt sich in diesem Fall nicht widerlegen. "Miss Saigon" erblickte in einer Zeit das Licht, als herabstürzende Kronleuchter Maßstäbe für das Geschehen auf Musicalbühnen setzten (Uraufführung im Theatre Royal Drury Lane London am 20. September 1989). Für die damals wie heute oft astronomischen Eintrittspreise sollte der Zuschauer auch etwas geboten bekommen, dafür wurde sogar ein "Hubschrauber" bemüht. Matthias Davids hat sich der Aufgabe angenommen, das Stück nicht nur auf seine Essenz zu reduzieren, sondern auch mit einem schmaleren Budget beeindruckende Effekte auf einer kleineren Bühne zu erschaffen. Dies ist ihm auf ganzer Linie gelungen. Schon 2003 überzeugte seine damalige Inszenierung der Schweizer Erstaufführung in St. Gallen, weshalb man ihm die Regie der österreichischen in Klagenfurt angeboten hat.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Liebespaar Kim und Chris. Im ersten Akt hat Chris einen schwierigen Part zu meistern. Man mag zur musikalischen Seite von "Mein Gott, warum" stehen, wie man will, es bleibt einem nichts übrig, als anzuerkennen, dass die Autoren dem Darsteller des Chris damit eine enorme Aufgabe vorlegen. In knapp vier Minuten muss er dem Zuschauer vermitteln, warum diese Frau in nur einer Nacht sein Leben verändert. Carsten Lepper interpretiert dramatisch und gibt der Verzweiflung, die das Leben in Saigon prägt - auch im zweiten Akt in der Konfrontation mit seiner Frau - anschaulich Ausdruck.

Kun Jing verleiht Kim genau die richtige Mischung aus jugendlicher Frische und Verzweiflung in ihrer tristen Lebenssituation. Während sie im ersten Akt rollendeckend zurückhaltend agiert, kommt ihr großer Moment im zweiten Akt, als sie sich entscheiden muss, nicht nur ihre Liebe zu Chris, sondern auch ihr Leben für ihren Sohn aufzugeben. Die Rückblende, in der sich Kim an den Abzug der Soldaten aus Saigon erinnert, wurde in vergangenen Inszenierungen stets mit dem Hubschrauber auf der Bühne gekrönt. Regisseur Matthias Davids lässt seine GIs in den Schnürboden entschweben, was seine Wirkung auch nicht verfehlt. Doch der tatsächlich berührendste Moment gelingt durch die weinende Kim allein auf der leeren Bühne, weinend um ihre verlorene Liebe.

Die beste darstellerische Leistung zeigt jedoch Daniel Eriksson als Engineer (warum nur dieser furchtbare deutsche Rollenname "Chef-im-Ring"?). Dies gelingt ihm, indem er kaum auffällt. Er wirkt, als würde er tagtäglich nichts anderes tun, niemals hält man ihn für einen Schauspieler, der eine Rolle spielt. Stets präsent begleitet er Kim auf ihrem Weg und hängt an seinem "amerikanischen Traum". Er meistert jeden Rhythmus- und Stimmungswechsel spielend, nicht mal von der oft holprigen Übersetzung lässt er sich Steine in den Weg legen.

Wietske van Tongeren verleiht der Ellen nicht nur eine starke Stimme, sondern auch eine Wärme, die klar werden lässt, warum Chris nach seiner Rückkehr aus dem Krieg bei ihr Zuflucht sucht.

David B. Whitley agiert als John rollendeckend, einzig die Textverständlichkeit leidet bei ihm enorm, in den schelleren Passagen ist er kaum zu verstehen. Sein großes Solo "Bui-Doi" meistert er jedoch mit enormem Ausdruck, gemeinsam mit dem großartigen Chor holt er das Publikum mit der mitreißenden Eröffnungsnummer des zweiten Akts zurück in die Geschichte.

Auch Romeo Salazar wirkt als Thuy eher etwas weich gezeichnet. Kim zurückzuholen, ist für ihn nicht nur eine von den Eltern auferlegte Pflicht, er scheint sie wirklich zu lieben. Dadurch gerät der richtungsweisende Moment seines Todes spannungsgeladen und überzeugend, sein Zusammenspiel mit Kim funktioniert einwandfrei.

Marids Lazo kann als Gigi leider stimmlich nicht voll überzeugen, Jojo Urquico darf als Nachtclubbesitzer in Bangkok auf himmelhohen Highheels den Engineer herumkommandieren und erinnert dabei an die Zofe Jacob in "La Cage Aux Folles".

Als zentrales Element beherrscht ein Flugzeugwrack die Bühne. Bedrohlich wirkt dies vor allem, wenn durch die Drehbühne neue Schauplätze enthüllt werden. Auf unterschiedlichen Ebenen entstehen so die vielen Orte, die das Drama eindrucksvoll bebildern. Michael Grundners Lichtgestaltung trägt ebenfalls dazu bei, die Schauplätze zu illustrieren. Ein gewohnt starkes Bild ist "Die Dämmerung des Drachens", ein perfektes Zusammenspiel von Ensemble, Bühne, Licht und natürlich Musik. Unter der musikalischen Leitung von Michael Brandstätter spielt das Kärntner Sinfonieorchester mitreißend auf. Sucht man nach einem Kritikpunkt, man man anmerken, dass das Orchester in den leisen Pariten gegenüber den Darstellern etwas zu laut abgemischt ist, dies tut der Aufführung jedoch keinen Abbruch.

Dem Stadttheater Klagenfurt ist mit "Miss Saigon" wieder ein großer Wurf gelungen. Durch die Intendanz von Josef Ernst Köpplinger konnte sich Klagenfurt zu einer kleinen innerösterreichischen Musicalschmiede entwickeln. Köpplinger wechselt kommendes Jahr ans Theater am Gärtnerplatz in München. Es bleibt abzuwarten, ob und wie Florian Scholz, der die Intendanz ab der Saison 2012/13 übernehmen wird, diesen Weg weitergehen wird. In seinen ersten Statements kündigte er an, den Fokus auf Schauspiel und Oper als Hauptsäulen zu legen. Musical und Tanz sollen allerdings weiter einen Platz am Stadttheater Klagenfurt haben.

 

Diese Seite ist 
Teil eines Framesets

Hauptseite
 Termine
Team
Presse
 Fotos
 Stückinfo