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DER
MANN VON
LA MANCHA St. Galler Tagblatt, 21. Dezember 2009 Armer Ritter Auf allen Spielebenen schlägt sich «Der Mann von La Mancha» in der St. Galler Inszenierung von Matthias Davids wacker – auch gegen die starke Musical-Konkurrenz im eigenen Haus. VON BETTINA KUGLER Wahnsinn ist ansteckend. Zumal, wenn er so treuherzig heldenhaft daherkommt wie bei Alonso Quijana, besser bekannt unter Don Quixote. «Eigentlich bin ich ganz anders; ich komme bloss selten dazu», liest man zu diesem Thema bei Tucholsky. Nun ja: Alonso wäre allzu gern ein anderer – und nutzt dazu jede Gelegenheit. Bis seine Einbildung Überhand nimmt. Eine Bibliothek voller Ritterromane hat ihm den Kopf verrückt, in einer fernen, computerfreien Zeit, da es noch keine Killerspiele gab, aber schon lange keine Drachentöter in Rüstung mehr. Die beste aller möglichen Welten will dieser Don Quixote herbeifechten zum Ruhme eines angebeteten «edlen Frolleins», notfalls auch gegen Windmühlen und Maultiertreiber. Die holdeste aller möglichen Damen phantasiert er ins nächstbeste Frauenzimmer. «Dame» des Herzens Hä, Dulcinea? Da ist der Ritter von der traurigen Gestalt bei Hure Aldonza mitnichten an der richtigen Adresse. Gewohnt, jedermanns Putzlumpen und billiges Vergnügen zu sein, hält das robuste Weib in Matthias Davids St. Galler Inszenierung von «Der Mann von La Mancha» zwei Stunden lang ihre vom Leben antrainierte Illusionslosigkeit durch. Aber dann eben doch nur fast. Am Sterbebett des Alten hat es sie selbst erwischt: Als überzeugte Dulcinea jammert sie schliesslich um den armen, von seinen tröstlichen Torheiten kurierten Ritter. Da geht der Musical-Himmel erst richtig auf für Publikumsliebling Sophie Berner; völlig gelöst nimmt sie die letzte Kurve in Richtung Finale. Kein Gedanke mehr daran, dass sie sich vorher hin und wieder im Stillen an die Seite des Grafen von Monte Christo gesehnt haben könnte. Das Wort führt die Klinge Zwei Musicals, zwei Welten; der St. Galler Theaterspielplan 2009/ 2010 bringt sie nicht ohne Hintergedanken zusammen und punktet beim Publikum mit zwei ausgefeilt unterhaltsamen, in Strickmuster und Inszenierung aber höchst unterschiedlichen Produktionen. Da zeigen sich die Stärken eines Hauses, das durch Mischkalkulation die Breite des Publikums im Auge behält – und zwischendurch, etwa mit der Opernrarität «Medea in Corinto», auch etwas riskiert. Überwältigt «Der Graf von Monte Christo» mit seiner geölten Bühnenmaschinerie, mit filmischer Dramaturgie und rasanten Kulissenfahrten, mit Action, Degen und Feuerwaffen und unmissverständlichen XXL-Emotionen, so ist «Der Mann von La Mancha» bei aller Leichtigkeit mehr Musik für den Kopf, Degengeklingel mit Dialogen; ein beinahe schon ironisches Gegengift. Die Idée fixe eines Mannes wird hier zwar nicht minder konsequent vorgeführt, aber zumindest auf die leichte Schulter genommen. Dabei könnte das trutzige Verlies, das Mathias Fischer-Dieskau als Einheitsbühnenbild mit nach Escher-Art verwinkelten, ins Irgendwo führenden Treppen und schweren Ketten errichtet hat, tatsächlich auch einem Grafen von Monte Christo die Festungshaft recht ungemütlich machen. Doch gespielt wird eindeutig Komödie, nicht schmachtendes Musikmelodram. Tonangebend ist die Gitarre, die akustische wohlgemerkt. Schwelgende Streicher sind aus dem Graben verbannt: «Der Mann von La Mancha» ist mehr eine Ballade, erinnert an Lieder von Bänkelsängern. Und dafür ist Andreas Lichtenberger als Don Quixote/Cervantes genau der richtige Mann. Er kann singen, ohne das dick unterstreichen zu müssen. Seine Gage verdient er grundehrlich – als Schauspieler, der in der Rolle aufgeht. Dabei ist alles nur Spiel. Spiel im Spiel: die beste Art, fürs Theater zu begeistern. Treu zur Seite steht ihm Mark Hamman als drolliger Sancho Pansa; um ihn herum schleicht, neben Sophie Berner als vermeintliche Dulcinea, eine Meute Banditen, darunter Tänzer aus Marco Santis Kompagnie, schlagkräftig und unzimperlich. Die Choreographie (Melissa King) macht kein Tralala, wenn rohe Gewalt ins Spiel kommt. Ritter der Kostümkiste Die Gangart des Musicals ist munterer Galopp. Eingebettet in eine durchaus ernste, szenisch effektvoll düster vorgestellte Rahmenhandlung, die den Dichter Cervantes im Gefängnis zeigt, nimmt das Entertainment-Turnier mit etlichen Schwänken und Episoden seinen Lauf: eine flotte und rauflustige Ritter-Revue, die keine Pause nahelegt – doch früher oder später zwangsläufig das Sitzfleisch auf die Probe stellt. Zumal die Crew auf der Bühne über Bewegungsmangel nicht klagen kann, das Bläser-dominierte Sinfonieorchester unter Leitung von Christoph Wohlleben den Songs rhythmisch Beine macht. Ein Viertelstündchen heraus aus dem imposanten Kerker, aus dem allzu bequemen Sitz hätte dem Vergnügen keinen Abbruch getan. Weltliteratur als leichte, wenn auch nicht seichte Musikkomödie, spanisches Kolorit in Ausstattung und Soundtrack, Theater im Theater und eine Truhe voller Kostüme (Magali Gerberon), mit der Cervantes die Hoffnungslosen für eine Weile von ihrem Schicksal ablenkt und ins Spiel verwickelt: Das ist das ziemlich zuverlässige Erfolgsrezept des «Manns von La Mancha». Regisseur Matthias Davids versteht mit den Zutaten umzugehen; er reichert sie um persönliche Noten an und schmeckt sie frisch und würzig ab. So merkt man dem Stück durchaus seine Entstehungszeit in den 1960ern an, doch aufgewärmt wirkt es mitnichten. Vielmehr scheint eine weitere Spielebene hinzuzukommen, ein Augenzwinkern, mit dem gesungen, gespielt, getanzt wird. Gegen den Wahn der ganz normalen Wirklichkeit.
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