|
INTO THE
WOODS Waldeckische Landeszeitung; 16.11.2010 Alles andere als ein Weihnachtsmärchen ...aber brillant • Unvergesslicher Abend im Staatstheater Kassel mit Steven Sondheims Märchenmusical Steven Sondheims erfrischendes Märchenmusical „Ab in den Wald“ als Brüder-Grimm-Remix mit bestechenden Einsichten im Staatstheater. von ARMIN HENNIG Mitreißende Melodien, ein erfrischend respektloser Mix von alten Märchen mit einem Schuss moderner Psychologie, das ist das Rezept für einen unvergesslichen Abend im Staatstheater, an dessen Ende der Wunsch nach der nächsten Vorstellung von „Ab in den Wald“ in der Inszenierung von Matthias Davids steht. Dabei scheinen schon beim ersten Takt des Märchenmusicals von Stephen Sondheim die Zeiten längst vorbei zu sein, in denen das Wünschen noch geholfen hat. Das gilt auch für die Märchenhelden in ihren Zündholzhäuschen (Bühnenbild: Matthias Fischer-Dieskau), die so unwiderstehlich von ihren unerfüllbaren Wünschen singen, sieht man mal vom Rotkäppchen (Marianne Curn) ab, einem unverschämt verfressenen Gör mit quäkiger Stimme, das gerade im Bäckerladen für den Besuch bei der Großmutter einkauft, ehe es ab in den Wald geht, um dort den Inhalt des Korbes zu verspeisen. Und noch haben der Bäcker und seine Frau nicht die geringste Ahnung, dass sie sich für die Erfüllung des Kinderwunsches ebenfalls dem Wald und seinen Gefahren für die Chance ihres Lebens stellen müssen. Denn für ein anderes Leben oder ein schöneres Haus oder ein weniger dummes Kind fühlt sich einfach keine gute Fee zuständig. Dafür müssen der Bäcker und seine Frau ihre Mission impossible aus eigener Kraft bestehen, wollen sie den Fluch der Hexe (Ann-Christin Elverum) aus der Nachbarschaft brechen, aus deren Garten der Vater des Bäckers einst jene Zauberbohnen gestohlen hat, die im weiteren Verlauf des Stücks so verheerende Folgen nach sich ziehen werden. Denn mit fünf davon löst die Bäckersfrau Aufgabe Nummer eins und kauft dem einfältigen Hans seine Kuh so weiß wie Schnee ab. Für den roten Umhang befreit der Bäcker (Detlef Leistenschneider) das Rotkäppchen aus dem Bauch des Wolfes. Doch bei der Jagd nach dem goldenen Schuh geht etwas ganz schrecklich schief, mit fatalen Konsequenzen nach dem märchenhaften Ende, da Aschenputtel (Lisa Antoni) die letzte Zauberbohne achtlos wegwirft, während Hans ein letztes Mal seine Bohnenranke hochklettert, um dem ungläubigen Rotkäppchen zu imponieren. Das einzige Paar übrigens, das trotzdem nicht zum heiteren Zwischen-Happy-End zusammenfindet. Denn Rapunzel (Ingrid Fröseth) wird gerettet und auch Aschenputtel bekommt ihren Prinzen, aber Prinzen bleiben Prinzen und träumen im Duett nach vollbrachter Mission von Dornröschen und Schneewittchen oder beglücken im Vorbeigehen schon mal eine verzweifelte Bäckerin (Mary Harper), während die Katastrophe über das Märchenland in Gestalt der Riesin hereinbricht, die den Mörder ihres Mannes fordert. Denn Hans (herrlich strunzdumm: Tom Schimon) hat zwar nach vollbrachtem Raub der Zauberharfe das Exemplar in seinem Garten gekappt und den Riesen damit auf dem Gewissen, doch die von Aschenputtel verschmähte Bohne ist indessen eifrig gekeimt und taugt als Weg zur Rache. Und infolgedessen ergeht es den Angehörigen der Und- wenn-sie-nicht-gestorben-sind- Liga nicht besser als dem Personal eines Katastrophenfilms, die Zahl der Überlebenden sinkt rapide. Auch der Wald ist nicht mehr das Wieland-Wagner-Wunderland des ersten Aktes, sondern besteht aus abgebrannten Welthölzern und den Zigarettenkippen der Riesin, die im Showdown auf Aschenputtel, den Bäcker und sein Baby, das Rotkäppchen und Hans trifft, die der Gefahr mit den Mitteln ihres Märchens begegnen müssen, also mit Pech, einem Schwarm Vögel... Im Finale kommen die weitergesponnenen Schicksale und die ursprünglichen Märchen wieder zusammen. Und ist die Neugruppierung der bekannten Motive im ersten Akt schon ein Heidenspaß, so bringt vor allem der Beginn des zweiten Aktes immer wieder Szenen auf die Bühne, die man schon als Kind gern gesehen hätte, etwa wenn Prinzessin Aschenputtel von den beiden blinden Schwestern bedient wird. Ihr letzter Satz lautet übrigens: „...und manchmal putz ich ja ganz gerne“. Niemand kann seiner Rolle entkommen, schon gar nicht im Märchen, das ist die lebenskluge Botschaft des Musicals. Der Ausbruch aus dem Rollenmuster erweist sich für die meisten Märchenhelden als unlösbare Aufgabe. Aufgelöst ist diese Botschaft in einem raffinierten Stilmix, der nicht nur Broadway-Sounds auf höchstem Niveau bietet, sondern auch Anregungen aus der Oper (z.B. Aschenputtels Beschwörung der Vögel als freies Weiterspinnen von Neddas Vogelarie aus Bajazzo) oder der Neuen Musik (Das Grauen im Wald) fruchtbar macht – als zeitgemäßer Ersatz für das für heutige Ohren allzu wagnerisch geratene Weihnachtstraditional. Für „Hänsel und Gretel“ taugt der ebenso eingängige wie feinsinnige Märchenspaß allerdings nur bedingt. Sondheim und sein Librettist Lapine haben doch etliche Prinzen, die sich treu bleiben und die nächste Prinzessin suchen müssen, im zweiten Akt untergebracht. Trotzdem ein Heidenspaß mit vielen humorvollen Hintertüren.
|
Diese Seite
ist Hauptseite
|