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INTO THE
WOODS 10.11.2010 Musical Unlimited „Into The Woods - Ab in den Wald“ am Staatstheater Kassel: Eine märchenhafte Reise ins eigene Ich von Claudia Bauer-Püschel (...) Mit seiner „Into The Woods - Ab in den Wald“-Regie ist Matthias Davids wieder einmal eine bis ins kleinste Detail durchdachte, sehr ansprechende Inszenierung gelungen, die Unterhaltung und Tiefgang bestens vereint und die Intention dieses Stücks treffend vermitteln dürfte. Da amüsiert sich der Zuschauer vor allem im bissig-humorigen ersten Akt königlich ohne zu merken, wie ihm der Spiegel vorgehalten wird, denn jeder wird sich in den Archetypen dieses Musicals irgendwo wiedererkennen. Da kommt dann im zweiten Akt die Erkenntnis, dass die Dinge sich im Leben ständig ändern, und Glück nie von Dauer ist. Zuletzt wird dem Zuschauer die Hoffnung, dass sich jemals etwas an der Unersättlichkeit der Menschen, ihrem Streben nach immer mehr etwas ändern wird, mit nur zwei Worten genommen: „Ich will...“. Für die versierte Dramaturgie der Produktion war im Übrigen Stephanie Winter zuständig. Kongenial ist auch wieder einmal Mathias Fischer-Dieskaus Bühnenausstattung. Riesige offene Streichholzschachteln dienen als Behausungen der Märchenfiguren. Die mittlere ist nicht komplett geöffnet, hier sieht man die Aufschrift „Welthölzer - Sicherheitszündhölzer“. Da werden wohl bei mehr als einem Zuschauer Kindheitserinnerungen daran lebendig, wie Großvater eines dieser Streichhölzer nahm, um sich eine Zigarre anzuzünden; man erinnert sich mit einem Mal wieder daran, wie man selbst mit diesen Hölzchen bastelte - oder auch zum ersten Mal zündelte. Man denkt an die Zeit zurück, in der Märchen einfach zum Leben dazugehörten. Insofern garantiert schon das Bühnenbild der ersten Szene den perfekten Einstieg in ein oftmals gefährliches Märchenreich, das einem seit jeher vertraut erscheint. Die drei Schachtelhäuser trennen klar verschiedene Gesellschaftsschichten: Hans mit seiner Mutter und ihrer einzigen Kuh gehören zur armen Bevölkerung, das Bäckerspaar zum Mittelstand und Aschenputtels Stiefmutter samt Familie zur Oberschicht. Doch ganz gleich auf welchem Niveau sich jemand bewegt, den Wunsch nach einer besseren Zukunft teilen alle. Auch der technisch wunderbar fließend realisierte Wald aus Zündhölzern, das abgebrannte große Streichholz und der riesige Zigarettenstummel im zweiten Akt sprechen eine klare Sprache: Im Wald lauern Gefahren, und der Brand bricht auch prompt aus; Dinge können auf der einen Seite konstruktiv sein, doch wenn das rechte Maß verloren geht, dann rutschen sie auf der anderen Seite ins Destruktive ab; und es gibt immer einen Mächtigeren - hier die Riesen, die ihren Abfall (Zigarettenkippe) in den Wald werfen. Gegen solch eine Übermacht hilft nur starker Zusammenhalt. In einer Zeit, in der sich jüngst Bürger gegen Atomtransporte und -politik zur Wehr setzten, erscheint eine solche Symbolik brandaktueller denn je. Wirkungsvoll ins rechte Licht gerückt wird die kontrastreiche Bühne durch Alfred Geisels Lichtdesign. Unter der Leitung von Alexander Hannemann interpretiert das Staatsorchester Kassel Sondheims Partitur auf den Punkt genau. Dem ist kaum etwas hinzu zu fügen. - Bravo! Simon Eichenbergers Choreografie lässt die Cast vor allem an den optisch kompakten Stellen (Titellied!) sehr gut zur Geltung kommen. Sie trägt ebenso zu einem spannenden Theaterabend bei wie Judith Peters Kostüme. - Exakt so stellt man sich Sondheims Märchenfiguren vor! Die Vorstellung am 07.11. stand in technischer Hinsicht unter keinem guten Stern, denn nach wenige Minuten fiel die komplette Mikroportanlage aus, und nach rund 20 Minuten ohne intakte Mikrofonierung wurde die Vorstellung auf unbestimmte Zeit abgebrochen. In dieser an sich unglücklichen Situation zeigten sich aber auch die Qualitäten des Kasseler Staatstheaters: Auch ohne Verstärkung waren die Künstler (zumindest in Reihe 5, Orchestersessel) noch gut zu verstehen, was für ihr Können und die gute Akustik des Opernhauses spricht. Die Tonabteilung, für die dieser Ausfall nahezu ein Super-GAU gewesen sein muss, hatte den Defekt circa 25 weitere Minuten später behoben, und die Show konnte ohne weitere Zwischenfälle fortgesetzt werden. Mit einem Galgenhumor gewürzt, der zum Sondheim-Stück passte, gab der Erzähler des Stücks Erwin Bruhn nach der Zwangspause eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse im Stück zum Besten - eine sehr gute Sache, um dem Publikum den Wiedereinstieg zu erleichtern. Alle Darsteller waren trotz der Unterbrechung schnell wieder in ihren Rollen präsent. Zu ihnen im Einzelnen: Als Erzähler/Geheimnisvoller Mann beweist Erwin Bruhn in einer reinen Sprechrolle viel Präsenz - eine souveräne Leistung. Den Vater, der sich erst spät im Leben zu seinem Kind bekennt, gibt es in der Realität wohl häufiger, und diesen Typus verkörpert der Geheimnisvolle Mann. Erwin Bruhn mimt die fließenden Übergänge seiner beiden Figuren mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Souverän zeigt sich auch Ann Christin Elverum als Rapunzels herrische Mutter, die Hexe. Diese steht wohl für alle Mütter, die ihre Kinder nicht loslassen können oder gar deren Lebensinhalt sein wollen. Wer Ann Christin Elverum von anderen Rollen - beispielsweise die der Marguerite in „The Scarlet Pimpernel“, Fantine in „Les Misérables“, Königin Anna in „3 Musketiere“ oder Florence in „Chess“ - her kennt, der wird sie in „Into The Woods - Ab in den Wald“ noch von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Technisch gibt es daran nichts auszusetzen. Detlef Leistenschneider gefällt als Bäcker mit klarer Stimme und überzeugendem Spiel. Als Ehefrau steht ihm Mary Harper zur Seite, die die Sehnsüchte der kinderlosen Frau eindrucksvoll vermittelt. Lisa Antoni füllt die vielleicht etwas undankbare Rolle des Aschenputtel mit schönem Gesang und angemessenem Spiel sehr gut aus. Als Aschenputtels Prinz und Wolf beherrscht Serkan Kaya den Wald mit ungeheurem komödiantischen Talent. Sein Timing ist perfekt, so dass jeder Gag zündet. Beim Duett „Liebesqual“ (engl. Original: „Agony“) muss sich der Zuschauer zusammenreißen; sonst schüttelt ihn die pointiert komische Gesangsdarbietung glatt vor Lachen durch. Mit Serkan Kaya ist die Rolle des aufreißerischen Prinzen top besetzt. Einzige Nebenwirkung seines profilierten Spiels: Es wird schwer werden, ihn in einer ernsten Rolle nicht dauernd im Geiste von der Bühne hüpfen zu sehen. ;-) (Bei dem Hüpfer handelt es sich um einen Running Gag.) Der Bruder des Prinzen (Rapunzels Prinz/Wolf) wird von Julian Looman gespielt, der rein optisch herrlich mit Serkan Kaya kontrastiert und auch gesanglich im besten Sinne einen guten Gegenpol bietet. Von der Anlage des Stücks her ist er derjenige, der ein Stück weit im Schatten seines Bruders steht. Durch die Teilung der Wolfsrolle kann Looman seine gesanglichen Fähigkeiten auch bei „Hallo, kleine Frau!“ gemeinsam mit Serkan Kaya unter Beweis stellen. Tom Schimon gibt den oftmals unbedacht übermütigen Hans überzeugend. Sein „Es gibt Riesen über uns“ hätte in der besuchten Vorstellung vielleicht noch eine Nuance eindringlicher ausfallen können, um die Botschaft genau zu verstehen. Insgesamt nimmt man Schimon die Figur aber ab. Als Hans’ besorgte Mutter ist Renate Dasch präsent. Marianne Curn setzt ihre Stimme als Rotkäppchen stark charakterisierend ein. Die leicht schrille Klangfarbe unterstreicht perfekt das Wesen dieser kleinen Göre, die auf den Weg zur kranken Großmutter geschickt wird. Das unerfahrene Mädchen ist den Verlockungen dort draußen ausgesetzt, so wie es (nicht nur) junge Menschen auch im wirklichen Leben sind. Den richtigen Weg zu finden ist nicht immer leicht, aber aus Erfahrungen lernt man und wird - teils auch negativ - geprägt. Marianne Curn vermittelt Rotkäppchens Entwicklung auf charmante Art, so dass es eine Freude ist. Zur geradezu optimalen Kasseler „Into The Woods - Ab in den Wald“-Besetzung zählt auch Ingrid Frøseth, die mit Rapunzels Figur auch eine der undankbareren Rollen hat. Zunächst wird sie von der Mutter tyrannisiert und muss sich ständig an ihrem langen Haar reißen lassen, dann siegt ihr Freiheitsdrang, doch der endet schnell im Wahnsinn. Ingrid Frøseth hat hier mehrfach laut schreiend über die Bühne zu laufen. - Das erfordert Mut, eine kräftige Stimme und die richtige Technik, um sie nicht zu ruinieren. Wunderbar arrogant erscheint Aschenputtels Stiefmutter (Maaike Schuurmans) mit ihren Töchtern Florinda (Nayeon Kim) und Lucinda (Sabine Roppel). Ferner sind noch Bernhard Modes als Aschenputtels lascher Vater, Doris Neidig als Aschenputtels Mutter/Rotkäppchens Oma/Stimme der Riesin sowie Shane Dickson als Kammerdiener zu sehen bzw. zu hören. Die Statisterie des Staatstheaters ist ebenfalls an der Produktion beteiligt. Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass Sondheims Stück im zweiten Akt beabsichtigt stark an Schwung verliert und vielleicht nicht sein allerstärkstes Stück ist. (In der besuchten Show erschien das inklusive Pause ohnehin rund drei Stunden lange Musical durch die Panne natürlich besonders lang.) Eine bessere Umsetzung des Stoffs kann man sich kaum vorstellen; da ist dem Staatstheater Kassel wieder ein großer Wurf gelungen. „Into The Woods - Ab in den Wald“ bietet eine märchenhafte Reise ins eigene Ich und zeigt die oft grausame (Märchen-)Welt mit all ihren Herausforderungen auf bekömmliche Art und Weise. - Eine lohnenswerte Lektion in Tiefenpsychologie!
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