INTO THE WOODS
Staatstheater Kassel
Premiere 30
. Oktober 2010

01.11.2010 musical-total.de 

Into the Woods - Glücklich bis ans Ende in Kassel

Ab in den Wald. Ab ins Dickicht der Verwirrungen. Ab ins Unterholz der menschlichen Sehnsüchte. Und was dort lauert ist manchmal sehr überraschend. 

Wenn es einen Musicalkomponisten gibt, der offenbar eine Begeisterung für komplizierte Stoffe hegt, dann ist es wohl Sondheim. Sondheim zu inszenieren ist sowohl szenisch als auch musikalisch eine echte Herausforderung, dem sich das Staatstheater Kassel mit einem detailreichen Musicalabend stellt.

Gerade „Into the Woods“ kann sehr verwirrend sein und es ist der schlüssigen Inszenierung von Matthias Davids zu danken, dass man doch immer gut folgen kann, auch wenn gerade viele Dinge gleichzeitig geschehen. Die Personen wissen immer wo’s lang geht und viele passende Details erzeugen immer wieder Situationskomik. Das Stück bietet viele Möglichkeiten für Witze, die auch reichlich ausgenutzt und vom Premierenpublikum dankbar aufgenommen werden. Da stört es fast nicht mehr, dass die deutsche Übersetzung von Michael Kunze, eben doch nicht alle Witze aus dem Originaltext übernehmen kann.

Die Kostüme und Frisuren sind größtenteils märchenhaft und verspielt. Im Gegensatz dazu steht der „Wald“, denn der besteht nicht aus Bäumen, sondern aus überdimensionalen Streichhölzern. Nachdem die Riesin, die Rache für den Tod ihres Mannes sucht, im zweiten Akt die meisten Häuser zerstört hat, sind die Streichhölzer teilweise abgeknickt und verbrannt. Eine Weile liegt auch ein überdimensionaler Zigarettenstummel der Riesin auf der Bühne.

Unter der musikalischen Leitung von Alexander Hannemann sitzen selbst Sondheims komplexe Lieder. Das Orchester schafft eine perfekte Atmosphäre sowohl im eher leichtfüßig klingenden ersten Akt als auch zweiten Akt, wenn die Geschichte düsterer wird und die Figuren nun mit den Konsequenzen ihrer Handlungen aus dem ersten Akt fertig werden müssen. Dazu ist der Ton perfekt abgestimmt und die Darsteller bleiben immer verständlich.

Die Darsteller, die bis in jede Rolle treffend besetzt sind, zeigen durchgängig eine unglaubliche Energie, die sie vor allem bei den kreativen Choreographien von Simon Eichenberger ausleben. Für die Besetzung der fast 20 Rollen hat das Staatstheater viele Gastdarsteller engagiert, darunter einige bekannte Namen. Ann Christin Elverum spielt die Hexe, die jenseits von Gut und Böse steht. Im Lied „Mitternachtsstunde“ kann sie ihre Stimme großartig entfalten. Leider liegen ihr die sehr schnellen, rhythmischen Sprechtexte im Prolog weniger, dabei wirkt ihre Stimme gehetzt und ist kaum zu verstehen.

Das Bäckerehepaar, Detlef Leistenschneider und Mary Harper, findet wie ihre Rollen im Laufe des Stückes zu wunderbarer Harmonie. Beide haben starke Stimmen und vor allem Mary Harper spielt mit sehr ausdrucksstarker Mimik. So zündet auch der Witz in absurden Sätzen wie „Ich brauch den Schuh, um ein Kind zu kriegen!“.

Lisa Antoni als Aschenputtel ist nicht nur niedlich, wenn sie vom Ball schwärmt, sondern hat eine strahlend klare Stimme, die jede Höhe mühelos klingen lässt. Wenn sie mit ihren Vögeln spricht, fühlt man sich wie in einem Walt Disney Märchenfilm.

Erwin Bruhn als geheimnisvoller Mann wirkt mehr verschroben als geheimnisvoll, was sehr auflockernd wirkt. Dafür ist er als Erzähler sehr direkt und scheint sich außerordentlich wohlzufühlen als Herr über die Geschichte.

Ein Highlight sind Serkan Kaya und Julian Looman. Mit Charme und Begierde versuchen sie zunächst als Wölfe Rotkäppchen zu verführen. Als Prinzen von Aschenputtel und Rapunzel kann sich der Zuschauer ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn sie übertrieben Springend und Posierend auf der Bühne erscheinen. Ihr Höhepunkt ist, wenn sie mit schwelgenden Stimmen dem jeweils anderen von ihrem „Liebesleid“ erzählen und sich dabei an Dramatik zu überbieten versuchen. Dass die pathetischen Posen manchmal mit Absicht ins Leere gehen, erhöht noch den Spaß für den Zuschauer. Serkan Kaya stellt seinen Charakter sehr treu nach der eigenen Aussage des Prinzen dar: „Man hat mich dazu erzogen, charmant zu sein, nicht treu.“ – und verführt in einer witzigen Szene voller Überraschungen auch prompt noch die Bäckersfrau.

Tom Schimon ist ein naiver und dennoch entschlossener Hans. Bei „Riesen über uns“ darf er auch einmal richtig zeigen, wie gut er singen kann. Marianne Curn spielt und singt Rotkäppchen mit starker Stimme herrlich frech und eigenwillig. Wenn sie trotzig mit Hans streitet, glaubt man schon das perfekte Pärchen des ganzen Musicals gefunden zu haben. Hans Mutter Renate Dasch zeigt sich resolut, aber besorgt um ihren einfältigen Sohn.

Aus Aschenputtels exzentrischer Familie mit Nayeon Kim und Sabine Roppel als ihre Stiefschwestern Florinda und Lucinda, sowie Bernhard Modes als ihr Vater sticht Maaike Schuurmans als Stiefmutter besonders erinnerungswürdig heraus. Des Weiteren ist Doris Neidig als Rotkäppchens Großmutter zu sehen und als Stimme der Riesin zu hören sowie Shane Dickson als Kammerdiener, der wunderbar wichtigtuerisch seinem Prinzen beisteht.

Mehr als 3 Stunden dauert der Abend inklusive der Pause. Obwohl das Musical im zweiten Akt ein wenig seine Längen hat, zeigt doch keiner Müdigkeit. Die Zuschauer erhebt es jedenfalls sogleich aus den Sitzen und sie danken allen Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus. Dass der Versuch, die Applausordnung zu choreographieren nicht ganz gelingt, stört niemanden.

Und sind zu guter letzt alle „glücklich bis ans Ende“?

Wunschlos ist der Mensch ja nie, das zeigt die verstrickte Handlung von „Into the Woods“ selbst am aller besten und auch Sondheim und Lapine gönnen das ihren Charakteren dann doch nicht. Am Ende bleibt ein kleines, offenes „Ich möcht’…“ von Aschenputtel. Und dem Applaus nach zu urteilen „möcht’“ auch der Zuschauer mehr davon. (bk)

 

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