INTO THE WOODS
Staatstheater Kassel
Premiere 30
. Oktober 2010

Göttinger Tageblatt, 01.11.2010 

Premiere ein rauschender Erfolg 

Broadway-Musical „Into the Woods“ am Staatstheater Kassel 

Von MICHAEL SCHÄFER

Märchenhaft schön ist Kassel nicht gerade, aber dem Märchen eng verbunden: Hier haben die Brüder Grimm vor rund 200 Jahren ihre Märchensammlung begonnen. Dies war für das Staatstheater Kassel Anlass, das Broadway-Musical „Into the Woods“ („Ab in den Wald“) von Stephen Sondheim herauszubringen. Am Sonnabend, 30. Oktober, war Premiere – ein rauschender Erfolg mit Standing Ovations.

Keine trauliche Ludwig-Richter-Idylle, sondern einen kahl-nüchternen Streichholz-Wald hat Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau als Kulisse für das wilde Märchen-Potpourri aufgebaut. Die Innenräume sind überdimensionale Streichholzschachteln: Aschenputtels Heim, eine Bäckerei und das ärmliche Zuhause von Hans und seiner Mutter. Das kinderlose Bäckerehepaar hat Sondheim erfunden. Darüber hinaus bevölkern neben Aschenputtel Rotkäppchen und der böse Wolf, die Großmutter, zwei Prinzen, Rapunzel, ein unsichtbares Riesenpaar sowie die zentrale Hexe die Szenerie.

Im ersten Akt läuft alles märchenhaft. Zauberdinge lösen Flüche, Wünsche gehen in Erfüllung, Paare finden sich, Bäckers bekommen ein Kind.Doch Akt zwei zeigt, wie zerbrechlich das Glück sein kann. Aschenputtels Prinz geht fremd, Rapunzel wird hysterisch, und etliche Figuren müssen sterben, weil die Riesen-Witwe Rache für ihren von Hans umgebrachten Mann sucht und sich dabei mit ihren großen Füßen (die man nur hört, nicht sieht) ziemlich trampelig anstellt.

Das ist als Stückidee sehr reizvoll und erzeugt nach dem wuselig-wirbelnden ersten Teil einen nachdenklich stimmenden Kontrapunkt, den Regisseur Matthias Davids unaufdringlich und psychologisch stimmig auf die Bühne gebracht hat. Überhaupt beweist Davids ein gutes Gespür für das passende Spieltempo. Das ist meist – wie die Musik – höllisch schnell.

Doch damit haben die Musiker im Orchester und das personenreiche Ensemble keine Schwierigkeiten. Fast ausschließlich Gäste stehen auf der Bühne, musicalerfahrene Spezialisten. Einzig Ingrid Frøseth als Rapunzel spielt als festes Kasseler Ensemblemitglied eine tragende Rolle – mit viel Charme und wunderschönen Soprantönen von ihrem Turm.

Von den übrigen Rollen seien Lisa Antoni als liebreizendes Aschenputtel und Marianne Curn als hüpfendes, ausgesprochen handfestes Rotkäppchen genannt. Beide stammen aus Wien, das Rotkäppchen stand im Sommer als Pippi Langstrumpf auf der Bühne in Bad Gandersheim und wurde dafür mit dem Roswitharing ausgezeichnet. Die Niederländerin Maaike Schuurmans ist als Aschenputtels Stiefmutter perfekt böse, und auch die beiden schneidig-eleganten Prinzen sind international: Serkan Kaya ist Deutscher mit türkischem Hintergrund, Julian Looman Österreicher mit Wiener Hintergrund. Besonders souverän und stimmlich perfekt glänzt die Norwegerin Ann Christin Elverum in der Rolle der Hexe.

Die hohen Anforderungen der raffiniert-komplexen Partitur erfüllen die Mitwirkenden unter der präzisen und vorausschauenden Leitung von Alexander Hannemann mit erstaunlicher Perfektion. Einzig die Sprachverständlichkeit leidet hier und da unter dem geforderten hohen Tempo, auch wenn sich Michael Kunze in seiner deutschen Textfassung um ein ausgewogenes Wort-Musik-Verhältnis bemüht hat. Das Premierenpublikum feierte das Ensemble mit Bravorufen und minutenlangem Applaus. 

 

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