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GUYS
AND DOLLS Berufszocker Nathan Detroit hat ein Riesen-Problem: Obwohl Manhattan nur so wimmelt von risikofreudigen Spielern, kann er beim besten Willen keinen Ort für die nächste Zockerrunde finden! Weil Leutnant Brannigan vom New York Police Department dem Glücksspiel den Kampf angesagt hat, will keiner ein Risiko eingehen. Als einzige Möglichkeit bietet sich Joey Biltmores Garage, aber Biltmore verlangt 1000 Mäuse für die Miete, und die hat Nathan im Augenblick einfach nicht flüssig. Doch Nathan weiß sich zu helfen, indem er den männlichen Stolz des Oberzockers Sky Mastersons herausfordert, der großspurig behauptet, jedes Mädel seiner Wahl haben zu können. 1000 Dollar für Nathan Detroit, wenn Masterson es nicht schafft, das von Detroit bestimmte Girl morgen nach Havanna auszuführen! Klar, dass Nathan nicht irgendeine Puppe als Versuchsobjekt bestimmt, sondern eine besonders harte Nuss: Schwester Sarah von der Heilsarmee, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Trinker, Spieler und Diebe auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Top, die Wette gilt! Die Kurzgeschichten Damon Runyons mit ihren ebenso humorvollen wie liebenswürdigen Beschreibungen der Spieler und Kleinganoven des Broadway zu Beginn der 20er Jahre boten die Vorlage für Frank Loessers temporeiches Musical, dessen Erfolg seit seiner bejubelten Uraufführung am 24. November 1950 in New York im englischsprachigen Raum ungebrochen ist. Autor Abe Burrows sah den Grund für diesen überwältigenden Erfolg im besonderen Einklang der unterschiedlichen Elemente: „Unser Augenmerk war weniger auf die einzelnen Nummern, sondern vor allem auf den Gesamtzusammenhang gerichtet. Nur was passte, kam rein!“ Und so reicht die Spannweite der musikalischen Nummern von Heilsarmee-Liedern über Liebesballaden bis zu den Shownummern des Hot Box Nachtclubs oder den heißen Rhythmen Kubas. Text: Staatsoper Hannover Ein
Himmel voller Puppen Von ULRICH LENZ (für das Magazin "Seitenbühne" der Staatsoper Hannover, Okt. 2008) Der Journalist und Schriftsteller Damon Runyon (1884-1946) wurde vor allem durch seine Kurzgeschichten bekannt, in denen er die Welt der Gauner und Spieler im New York der Prohibitionsära auf amüsante und fantasievolle Art porträtierte. Seine Milieuschilderungen sind von einem besonderen Sprachstil geprägt: eine eigenwillige Mischung aus blumiger Rede und Umgangssprache, fast ausschließlich im Präsens Indikativ geschrieben. Frank Loessers Musical Guys and Dolls basiert auf zwei Kurzgeschichten von Damon Runyon, bedient sich aber auch zahlreicher Charaktere aus anderen Geschichten. Einer von ihnen, Einbahnstraßenbenny, scheint sich nach Hannover verirrt zu haben ... Eines sehr frühen Morgens, also so gegen halb zwölf, was für einen Kerl wie mich reichlich früh ist, denn die Nacht zuvor ist es wie immer sehr spät, dass ich den "Hot Box Club" verlasse - eines sehr frühen Morgens also sitze ich vor diesem großen tempelartigen Gebäude in der Mitte der Stadt, in dem sie diese großen Shows aufführen, und warte auf Hochhaus-Matze. Vor einem Jahr etwa suchen sie für eine ihrer Shows einen gutaussehenden jungen Kerl, und da ich mal wieder knapp an Mäusen bin, denke ich mir, da gehe ich hin, vielleicht springt ja was für mich raus. Mit dem Job wird es leider nichts, aber bei dieser Gelegenheit lerne ich besagten Hochhaus-Matze kennen, der in dem Laden offensichtlich einer der Hauptmacker ist. Er sagt den Jungs und Mädels, was sie in so einer Show zu machen haben, welche Sätze sie schreien und welche sie flüstern sollen, wann ein Kerl eine Puppe befummeln darf und wann sie ihm eine knallen kann und so weiter. Und dafür kriegt er dann auch noch Zaster, und die Leute wiederum zahlen dafür, um zu sehen, wie er das alles so arrangiert mit den Kerls und den Puppen. Und weil's mit meinem Job nix wird, obwohl ich doch eigentlich beide Grundbedingungen - also gutaussehend und jung - hinreichend erfülle, lädt mich Hochhaus-Matze ein, mir bei Gelegenheit diesen Show-Laden einmal zu zeigen. Nun bin ich immer ein wenig misstrauisch, wenn mir einer irgendetwas anbietet und weder Geld noch was anderes dafür haben will. Außerdem muss ich einen unfreiwilligen Urlaub außer Landes nehmen, weil Harry das Ross den Blauen irgendwelche Lügen über mich und meine Beziehungen zu Griechen-Nickis Gang aufgebunden hat. Kurzum, es vergeht fast ein Jahr, bis ich Hochhaus-Matze zufällig im "Hot Box Club" wiedertreffe und er doch tatsächlich sein Angebot wiederholt. Wenn ein Kerl einem gleich zweimal einen Gefallen tun will, dann muss man schon blöd sein, wenn man das nicht annimmt. Und so sage ich kurzentschlossen Ja und treffe mich schon am nächsten Morgen mit ihm. Wie wir so durch die hohen Gänge des Showtempels tigern, erzählt mir Matze, dass mir die Show, die er derzeit vorbereitet - er nennt es "inszenieren" -, gefallen wird, denn es kommen Personen darin vor, die mir sicherlich bekannt sein werden. Und wie er so erzählt, steigen wir immer höher in diesem Riesenbau. Ich komme bei den vielen Treppen ganz schön ins Schnaufen, denke mir, vielleicht sollte ich doch die Zigarettenmarke wechseln, bis wir schließlich so hoch sind, dass wir über die Dächer der Stadt blicken können. Da kommt mir der unangenehme Gedanke, dass Hochhaus-Matze hoffentlich nicht von mir verlangen wird, da jetzt irgendwo hinunter zu hopsen. Ich meine, ich kenne ihn ja kaum, weiß auch nicht, woher er diesen seltsamen Beinamen hat, und schließlich ist er es ja gewohnt, allen möglichen Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Aber das hat ja irgendwo seine Grenzen. Ich auf jeden Fall lasse mir von niemandem sagen, was ich tun soll, weder von Big Jule noch von Hochhaus-Matze, allerhöchstens von der Kanone unter Big Jules Jackett. Wie ich so taxiere, ob Hochhaus-Matze nicht vielleicht auch so etwas Metallisches unter seinem Pullover mit sich trägt, öffnet er eine Tür, und, wie soll ich es ausdrücken: Nicht nur wegen der vielen Treppen, die wir hochgestiegen sind, ist mir, als ob wir im Himmel angelangt sind! In einem großen, lichtdurchfluteten Raum stehen zehn nicht allzu üppig bekleidete Puppen, was sage ich: Engel, schöner als alle Puppen, die mir bisher vor meine Augen gekommen sind, und ich kann euch sagen, ich habe einige Schönheiten gesehen in meinem Leben! Und die zehn Engel werfen zu den fortwährenden Rufen einer elften Schönheit ihre Beine in die Lüfte, dass mir ganz schummrig im Kopf wird, und ich beschließe, gleich morgen auf eine andere Zigarettenmarke umzusteigen. Hochhaus-Matze stellt mir die Nummer 11 vor. Sie heißt Meli, der Panther, und sie sagt den Mädels, wann sie ihre Beine in die Luft zu werfen haben. Aha, denke ich mir, da ist Hochhaus-Matze doch nicht ganz so der alleinige Hauptmacker, wie ich dachte. Ich glaube, mein Äußeres macht gehörig Eindruck auf Meli, den Panther, und gerade will ich sie fragen, ob ich mir eine ihrer Puppen für später aussuchen darf, da öffnet sich eine Tür und ein Haufen ziemlich muskulöser Kerle stürmt herein. Ihr werdet es nicht glauben, aber es sind genau zehn an der Zahl, und jeder schnappt sich eine der Puppen! Auf Kommandos von Meli, dem Panther, werfen sie ihre Puppen in die Höhe, fangen sie wieder auf, drehen sich mit ihnen im Kreis und so weiter. Nun bin ich gut gebaut und auch durchaus kräftig. Aber das kann ich wohl keinem dieser Engel bieten, und so verziehe ich mich zusammen mit Hochhaus-Matze ein wenig missmutig aus diesem verlorenen Paradies. Nun geht es von ganz oben nach ganz unten, dieses Mal allerdings ein wenig schneller - nach unten geht es ja immer schneller als nach oben - mit einem dieser modernen Aufzüge. Im Lift erzählt mir Hochhaus-Matze die Handlung seiner Show. Und ich traue meinen Ohren nicht! Was er da erzählt, kommt mir mehr als bekannt vor! Vielmehr: ich kenne alle Personen, von denen er mir erzählt, persönlich! Z.B. Nathan Detroit, der mit dem Oberzocker Sky Masterson wettet, dass er es nicht schafft, die bis unters Kinn zugeknöpfte Heilsarmee-Braut Sarah Brown nach Havanna auszuführen. Und natürlich auch Nathan Detroits Verlobte Miss Adelaide, die seit vierzehn Jahren darauf wartet, dass Nathan sie endlich heiratet. Wie könnte ich die nicht kennen, sie tanzt doch jeden Abend im "Hot Box Club"! Und unter uns: wäre sie nicht so verschossen in ihren Nathan, ich sage euch: Ich wäre schon längst auf und davon mit ihr! "Hab ich doch gesagt, dass dir unsere Show gefallen wird", grinst mich Hochhaus-Matze überlegen an. "Deshalb stelle ich dir jetzt die Jungs und Mädels vor, die Sky, Sarah, Nathan und Adelaide auf der Bühne spielen werden." "Wie? Spielen?", sag ich. "Ah, jetzt verstehe ich! Klar, wir fahren in den Keller! Hier gibt's also auch irgendwo eine geheime Spielhölle, was?!" - "Nein", sagt Hochhaus-Matze. "Kein Glücksspiel! Das sind Schauspieler und Sänger, die spielen eine Rolle auf der Bühne!" - "Ach so", sage ich, obwohl ich nicht ganz genau verstehe, was er meint. Als wir unten angekommen sind und die so genannte Kantine betreten, denke ich bei mir: "Wow! Was wird das für eine tolle Spielhölle abgeben. Kaum zu glauben, dass hier nicht irgendwo ein kleines Spielchen am Laufen sein soll. Vielleicht hat mich Hochhaus-Matze ja auch einfach angelogen!" Bevor ich mich aber richtig umsehen kann, stellt mir Hochhaus-Matze Wagenführer-Roland vor, der in der Show meinen alten Kumpel Nathan Detroit spielt. Und ich muss schon sagen, da gibt es durchaus einige Ähnlichkeiten zwischen den beiden. Allroggen-Ulli wird auf der Bühne so tun, als sei er Sky Masterson - obwohl ich ja finde, dass er viel besser als Sky Masterson aussieht. Und als ich Ania Wegrzyn vorgestellt werde, die die Sarah Brown spielen soll, verstehe ich gar nichts mehr! "Sarah Brown ist doch eine zugeknöpfte Heilsarmee-Braut!", sage ich zu Hochhaus-Matze. "An die ist total schwer ranzukommen, man! Aber diese Ania ist doch ne ganz kesse Puppe!" - "Um die Sarah Brown zu spielen, muss sie ja im Privatleben nicht genau so sein", meint Hochhaus-Matze. "Das nennt man die Kunst der Darstellung, man!" Ich weiß immer noch nicht genau, was er damit meint, aber da ich nicht will, dass man mich für einen Kunstbanausen hält, gebe ich erst mal keinen weiteren Kommentar ab. Außerdem ist da auch noch Tracy Plester, die als Miss Adelaide auf der Bühne stehen soll - und als ich die sehe, fallen mir sowieso keine Kommentare mehr ein, so ein scharfes Geschoss ist diese Puppe, viel schärfer noch als die echte Miss Adelaide, und ich kann nur irgendwelche Wortfetzen stammeln, von "Kunst der Darstellung" bei mir also keine Spur mehr. Und als wir aus der Kantine raus sind, brauch ich erst mal frische Luft und ne Kippe, so schummrig ist mir von all diesen Schönheiten. "Willste denn zu unserer Premiere kommen", fragt mich Hochhaus-Matze. "Klar"; sag ich, "unbedingt!" - "Na denn bis zum 11. Oktober", ruft mir Hochhaus-Matze im Umdrehen zu, bevor er wieder verschwindet, um den Kerls und den Puppen zu sagen, wann sie sich befummeln dürfen. "Ich bin dabei!"; ruf ich ihm hinterher. Und bis dahin, denke ich nur für mich, habe ich herausgefunden, ob diese Tracy Plester einen Kerl hat, und wenn nicht, ... na, Ihr wisst schon, oder? ...
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