FLETSCH - SATURDAY BITE FEVER

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Saarbrücker Zeitung, 10. 12. 1993:

Ein zuschnappender Spaß
Uraufführung des Musicals „Fletsch“ im Theater Arnual

Von unserem Redaktionsmitglied IRIS NEU

Sie drohen auszusterben, die Werwölfe, sowohl im Theater, als auch im Film. Wen wundert‘s: Gegen die gewaltige Obermacht der Dinos haben sie keine Chance. Drei junge Männer erbarmten sich der bemitleidenswerten Spezies, verfaßten ein Textbuch, komponierten eine Musik, dichteten Liedtexte und trieben die bißwütigen Geschöpfe auf die Bühne. „Fletsch“ nannten die drei ihre Ensemble-Produktion — ein „wolfophiles“ Musical, das sie jetzt in Eigenregie (das Saarländische Staatstheater sorgte nur für den technischen Rahmen) im Theater Arnual uraufführten.
Gerettet haben Autor und Darsteller Holger Hauer, Komponist Marc Schubring und Lied-Texter Wolfgang Adenberg aber noch eine andere, im deutschen Theater vom Aussterben bedrohte „Gattung“. Die Art von Humor nämlich, die nur Spaß sein will und in der Regel bei vielen Kulturbeflissenen verpönt ist, es sei denn, sie trägt denn bitteren Nachgeschmack eines kabarettistischen Zynismus‘.

„Fletsch“ (Regie: Matthias Davids, Hauptdarsteller im Saarbrücker „Jesus Christ“) bietet im Grunde nichts anderes als pure Unterhaltung, fordert unbeschwertes Lachen heraus. Fraglos ist das eine Kunst: den Ulk mit unverminderter Intensität durchzuhalten und ihn am Ende auf die Spitze zu treiben.

Die Hauptrolle spielt Holger Hauer (in Saarbrücken bekannt aus „Jesus Christ“ und „West Side Story“): Stanley — zunächst kein Werwolf, sondern ein „simpler“ Mann und zu seinem Leidwesen ein „schwabbeliger“. Wachgebissen wird der Langweiler von der Werwölfin Esther (Ellen Kärcher), die er mutig gegen einen Angriff auf dunkler Straße verteidigt. Stan verändert sich:

Als Werwolf gewinnt er sogar das Herz seiner von ihm angeschmachteten Sekretärin Daisy (ebenfalls Ellen Kärcher).
Die Geschichte gipfelt in Elmar Müllers komödiantischen Kabinettstückchen als Stanleys Vater und Psychiater. Müller (Richter am Landgericht Saarbrücken und Ensemblemitglied des Cristallerie-Theaters Wadgassen) gelingen beide Rollen vortrefflich: der unerschrockene Großwildjäger im Rollstuhl, bereit den Sohn zu erschießen, und der spleenige Psychiater.

„Fletsch“ parodiert die große Musical-Welt, zum Beispiel durch musikalische Anspielungen auf „Phantom der Oper“ und-zieht durch den Untertitel „Saturday Bite Fever“ die Disco-Musik der späten 70er durch den Kakao. Knüppeldick kommt‘s gelegentlich im Gewand seichter Schlagermelodien, etwa wenn der Großwildjäger wettert: "... und dann wird ‘abgedrückt   oder   bum, bum, ich bringe alles um". Komponist Marc Schubring (Kompositionsstudium an der Musikhochschule des Saarlandes) hat tief in die Wundertüte gegriffen, Blues- und Jazzelemente in seiner Komposition für zwei Klaviere verarbeitet. Sie werden in Stummfilm-Begleit-Manier von Marc Schubring und Dieter Klug gespielt. Hat man sich einmal auf die amüsanten Anspielungen in diesem neuen Musical eingelassen, glaubt man am Ende in den grauen Wuschelperücken der Pianisten die Haarpracht des Professor aus Polanskis „Tanz der Vampire“ zu sehen.

Ein Musical

Musik von Marc Schubring
Liedtexte von Wolfgang Adenberg
Buch von Holger Hauer
Nach dem Roman "Werwölfe küssen gut" von Roger L. DiSilvestro

Uraufführung im
Saarländischen Staatstheater, 
Theater Arnual, 
8. Dezember 1993
Regie:
Matthias Davids

mit:
Holger Hauer
Ellen Kärcher
Elmar Müller